Auf der Insel wird zurzeit Polittheater voller Dramatik geboten. Binnen 24 Stunden könnte sich in der nächsten Woche das Schicksal von Premierminister Tony Blair entscheiden. Am Dienstagabend proben Labour-Rebellen den Aufstand gegen ihn, in einer Abstimmung über Studiengebühren. 12 Stunden später wird Lord Hutton seinen Report über die Umstände abliefern, die zum Tod des Waffenexperten David Kelly führten. Niemand weiß, wie Hutton befinden wird. Gewiss ist nur, dass alle, Regierung, Ministerialbeamte sowie die BBC, seinem Urteil mit bangen Gefühlen entgegenblicken. Ebenso ungewiss ist der Ausgang der parlamentarischen Machtprobe. Die Studiengebühren dienen den Rebellen bei Labour, die in schöner Eintracht mit den Tories auf Blairs Sturz hoffen, nur als Vorwand. In Wahrheit wollen sie den Advokaten des Dritten Weges loswerden. Vor Monaten gaben sie die Parole aus: "Der Bastard muss weg!" Eine bunt gescheckte Allianz formte sich, vereint in tiefer Abneigung gegen den erfolgreichsten Labour-Premier der Nachkriegszeit: verbitterte Traditionalisten, Trotzkisten, rachsüchtige Exminister, koordiniert durch die Drahtzieher der Revolte, alles treue Gefolgsleute von Schatzkanzler Gordon Brown. Der schlug sich erst nach langem, ominösen Schweigen auf die Seite des Premiers. Dem ehrgeizigen Brown dämmert inzwischen, dass auch er beschädigt würde, sollte die Fraktion die Autorität der Regierung unterminieren oder gar Blairs Sturz herbeiführen. Doch die Geister, die er selbst ermutigt hatte, mögen sich nun nicht mehr zurückpfeifen lassen. Eine Abstimmungsniederlage für die Regierung, so das Kalkül der Rebellen, könnte zusammen mit einem kritischen Verdikt Huttons eine Dynamik erzeugen, die Blair zum Abgang zwänge. "Das ist unsere letzte Chance", beschwört ein schottischer Labour-Abgeordneter seine Mitstreiter. "Wenn wir ihn jetzt nicht loswerden, sind wir bis zur nächsten Wahl mit ihm geschlagen."

Wie Pilze schießen Initiativen zur Parteierneuerung aus dem Boden

Auch wenn Blair die Demütigung erspart bliebe, nach einer verlorenen Abstimmung über die Studiengebühren einen Tag später die Vertrauensfrage stellen zu müssen: So oder so ist der Premier angeschlagen. Eine hauchdünne Mehrheit könnte seine Autorität nicht wiederherstellen. Langsam, aber stetig entgleitet ihm die Kontrolle über die Partei. Vor Weihnachten vollzog sich ein kleiner, in dieser Hinsicht höchst symbolträchtiger Akt. Auf den Mitgliedskarten der Partei wurde das Wort "New" gestrichen. Nach acht Jahren heißt es nun wieder schlicht und einfach "Labour". Wie Pilze sind diverse Initiativen aus dem Boden geschossen, die die "Erneuerung" der Partei auf ihr Panier geschrieben haben. Erst "Compass", dann "New Wave Labour", gefolgt von "This way, Labour". Allesamt siedeln sie sich links von Blair an, auf einem Terrain, das sich bei der linken Mitte wachsender Beliebtheit erfreut. Darin spiegelt sich berechtigte Kritik wider an missglückten oder unausgegorenen Reformen, etwa der Verfassung; im wachsenden Widerstand gegen Blairs Kurs offenbart sich aber vor allem linkes Unbehagen an der Ausübung von Macht. In einem Dialog seines Stückes Democracy, das im Londoner Westend mit großem Erfog läuft, hat Peter Frayn das progressive Dilemma vortrefflich herausgearbeitet. Einen Berater Willy Brandts lässt er sagen: "Wir gewannen. Das war unser großer Fehler. Die Partei versteht nur die Niederlage. Sie allein ist ein Beweis für hohe Ideale."

Mit dem Irak-Krieg an der Seite von George Bush hat Blair seine Partei tief gespalten. Der Krieg brachte ihn um seine außergewöhnliche Popularität und beraubte ihn damit der stärksten Waffe gegen parteiinterne Widersacher. Der Widerstand gegen seine Reformpolitik war jedoch schon seit dem zweiten Wahlsieg im Jahr 2001 stetig gewachsen. Die alten Instinkte beginnen bei Labour immer stärker durchzubrechen. In den Neunzigern hatte Blair eine demoralisierte Partei am Schopf gepackt, durchgeschüttelt und zur Preisgabe geheiligter Glaubenssätze gezwungen: Keine höheren Steuern, um die Reichen zu schröpfen. Keine Feindseligkeit gegen Markt, Unternehmertum und Privatisierung.

"Jenseits von rechts und links" – das ist politisch nicht mehr schick

Nun reicht es. Das Ende von New Labour zeichnet sich ab. Den Modernisierern ist es nicht gelungen, die genetische Disposition der Partei zu verändern. Die traditionell orientierten Kräfte erweisen sich als zu widerstandsfähig. New Labour könnte sich als Übergangsphase entpuppen, die nötig war, um Labour mehrheitsfähig zu machen. Jetzt befindet sich die soft left sich im Aufstieg. Die "sanfte Linke" will nicht zurück in die achtziger Jahre, in denen Labour sich beinah selbst zerstörte. Doch sträubt sie sich immer stärker gegen eine Politik "jenseits von rechts und links". Abgeordnete sehnen sich nach der Wärme des vertrauten Milieus; nach einem verständnisvolleren Umgang mit den Gewerkschaften; nach weniger Partnerschaften zwischen privatem und öffentlichem Sektor, mit denen die Regierung Investitionen in Erziehung und Infrastruktur finanzieren will. Bisher kam Blair fast ganz ohne höhere direkte Steuern aus. Er begnügte sich mit vielen "versteckten" Eingriffen und erhöhte die Verschuldung.

Nun steht Labour vor dem Scheideweg, den jede Regierung der linken Mitte irgendwann erreicht. Entweder erklärt man sich zufrieden mit dem erreichten Grad an Umverteilung und sozialer Gerechtigkeit. Oder man schlägt den Weg von tax and spend ein und erhöht Steuern und Ausgaben, wozu Gordon Brown tendiert. Die Steuerfrage aber ist untrennbar mit der Mehrheitsfähigkeit verknüpft. Tony Blair, der mit dem Verzicht auf Steuererhöhungen eine Mehrheit aus Mittelschichten und Arbeiterschaft schmiedete, hat das nicht vergessen. Seine Partei hingegen mag weder auf höhere staatliche Einnahmen verzichten noch sich für die radikale Reform des öffentlichen Dienstes erwärmen, die der Premier zum Herzstück seiner zweiten Amtszeit erklärte: Blair will bei Gesundheit und Erziehung weg von zentraler Kontrolle hin zu mehr lokaler Verantwortung.

Ansonsten, so seine Argumentation, würden sich die Mittelschichten von öffentlichen Dienstleistungen verabschieden und auf private Angebote ausweichen. Aus dieser Überlegung erklärt sich auch sein Versuch, innerhalb des bürokratischen National Health Service Hospitäler zuzulassen, die sich selbst verwalten und Gelder aufnehmen dürfen. Das Gesetz stieß auf massiven Widerstand und konnte nur mit hauchdünner Mehrheit durchgeboxt werden, nach einer Serie von Zugeständnissen, die das ursprüngliche Konzept völlig verwässerten. Zu ähnlichen Konzessionen war die Regierung bei den Studiengebühren gezwungen. Doch selbst diese kastrierte Reform könnte immer noch scheitern. Viele in der Partei wollen einfach nicht mehr. Genug der quälerischen Selbstverleugnung, sagen sie, wir können auch ohne Blair siegen. Sollte der Premier in der nächsten Woche sowohl Hutton als auch die Revolte im Parlament unbeschadet überstehen, ist ihm kaum mehr als eine Atempause vergönnt. Den Kampf um die Labour Party droht er zu verlieren.