Verbreitet sich der Schlussapplaus wie ein Kriechtier im Saal, dann ist der Redner Ernst Peter Fischer mit sich unzufrieden. Dann hat sein vieles Wissen die Zuhörer irritiert, gar überfordert. Oder womöglich hat die vorgetragene Mischung aus leichten Pointen und hochkomplexen Inhalten nicht ganz gestimmt. Ein Infotainer muss Naturwissenschaft so vermitteln, dass die Leute daran Spaß haben, wie an einer wüsten Klamotte – und doch darf die Show nie billig sein. Fischers Ehrgeiz geht dahin, immer richtig gut zu sein.

War er gut, ist das Klatschen eine Brandung. Zum Thema "Einstein trifft Picasso und geht mit ihm ins Kino…" hat er offensichtlich die kleinen Überraschungsmomente richtig platziert. Brillant hat er an diesem Freitagabend im Münchner Rathaus Einsteins gekrümmte Räume mit Analogem aus der Kunst verwoben. 250 Besucher sind begeistert. Noch eine Stunde nach dem Vortrag, im Nebenraum bei Leberkäs und Brot und Bier, schnattern vielstimmig die Zuhörer durcheinander, angestachelt von Geistreichem zu Kubismus, Relativitätstheorie, Atomtheorie, Raymond Chandler, Thermodynamik, Thomas Mann, Werner Heisenberg. "Worüber sprechen die? Doch nicht etwa über mich?", fragt Fischer kokett. Er nimmt zufrieden einen Schluck. Er war heute sehr gut.

Also tut er, was er immer tut: weiterreden. Eine Kunstgeschichtsprofessorin hat eine Bemerkung im Vortrag als "flapsig" empfunden und wünscht (unter Andeutung eigenen Fachwissens) eine Präzisierung. Dann will ein junger Pfiffikus etwas wissen. Fischer hat für alle Zeit, steht Rede, steht Antwort, tänzelt durch sein Publikum, stets nach Fragern und Gratulanten schielend, und kümmert sich ("Hat jeder zu trinken?") sogar um das leibliche Wohl des Auditoriums in winterlicher Abendgarderobe. Dann endlich ist Zeit für einen Bissen Brot und ein schnell hingeworfenes Geständnis: "Ich rede zu viel." Er sei, parliert Fischer, der Sklave seiner eigenen Wörter. Zu oft vergesse er die Warnung "Vor Einschalten des Mundwerks Gehirn einschalten". Dabei gebe es doch ein treffendes schottisches Sprichwort. Er zitiert’s, umgehend (und kaum zum ersten Mal): "Man ist nur der Herr seiner nicht gesprochenen Worte."

Erst die Lappalie, dann die komplexe Welt der Ionenkanäle

Der Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Konstanz ist viel unterwegs. Er hat viel geschrieben, er hat viel vorgetragen: über den Doppelhelix-Entdecker James Watson, über Wolfgang Pauli, Newton, Bohr, Aristoteles, über Ästhetik in der Forschung oder den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Aber ganz ausgearbeitet ist seine Rolle als großer Zampano des akademischen Wissens erst seit 2001. In diesem Jahr gab Fischer sich selbst einen Auftrag und einem seiner 30 Bücher den Titel Die andere Bildung . Seither lehrt er die Deutschen, "was man von den Naturwissenschaften wissen sollte". Fischer bot damit einem anderen viel schreibenden Trommler aus der Professorenbranche Paroli, dem Anglisten Dietrich Schwanitz. Dessen Schmöker Bildung – alles was man wissen muss hatten nicht nur viele gelesen, sondern viele auch geglaubt, inklusive anmaßender Phrasen wie: "Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht."

Seither tingelt Fischer mit Powerpoint-Präsentationen durch Vortragssäle und arbeitet sich an den Versäumnissen des einäugigen Schwanitz ab. Als Universalgelehrter mit Leidenschaft für die Kunst hat Fischer einen umfassenderen Bildungsbegriff vor Augen als der Hamburger Autor von Campusbelletristik. Fischers Schriften lehren, dass es "für einen gebildeten Menschen unserer Zeit" unabdingbar sei, über mindestens vier Dinge Bescheid zu wissen: über die Atomtheorie, die Evolutionstheorie, unsere Vorstellungen vom Kosmos und über Gemeinsamkeiten von Kunst und Wissenschaft. Seit Fischer den Gegen-Schwanitz gibt, ist er endlich auch bekannt geworden.

Nach einem Abend wie heute könne er nie einschlafen, sagt Fischer. Sein Körper ist geflutet von Adrenalin und Endorphinen. Der 57-Jährige zappelt durchs Foyer. Schnell erklärt er hier den Unterschied zwischen Romantik und Aufklärung. Dort räsonniert er, warum es das Wort Bremsweg aus Robert Musils Mann ohne Eigenschaften in den Wortschatz der breiten Masse geschafft hat – nicht aber der Begriff Entropie, generell unverstanden und wenn gebraucht, dann falsch, als Synonym für maximale Unordnung.

Gegen Mitternacht verlässt Fischer die Überbleibsel des Publikums. Er tauscht die abgeatmete Rathausluft gegen die Frische der Münchner Winternacht. Auf den Straßen fast nur Heimkehrer. Der Professor aber ist nicht müde. Im Gegenteil. Also redet er weiter und versucht Minuten später im Gewölbe eines Bierkellers, unter einem Bild von Franz Josef Strauß, seine erfolgreiche Vortragstaktik von Grund auf zu erklären: "Ich fange mit einer Lappalie an." Zum Beispiel fragt er: "Können Sie mich verstehen?" Nach dem vielstimmigen Ja des Publikums witzelt er manchmal, dass sich dies bald ändern könne.