Mami malt, Omi singt, Papi wollte Opernsänger werden, handelte dann doch lieber mit Edelsteinen in Pforzheim, wo sein edelster Stein 1972 die Bühne dieser Welt betritt: Susann Würth.

Sie sieht immer noch aus wie die Abiturientin, die an der Waldorfschule Frau von Zahnd gab, die Irrenärztin in Dürrenmatts Physikern. Dazu Schiller, Goethe und vor allem Camus’ Missverständnis. "Toll", sagt sie, "weil’s so düster war und alle sterben mussten!" Urerlebnis Weihnachtsmärchen – Der Lebkuchenmann im Stadttheater, mit sieben: "soo große Stühle und soo kleine Menschen!"

Zu Hause macht sie sich beim Essen wichtig, äfft alle nach und verkleidet ihre Katze Paula. Im Kinderbett wird das Plumeau zum Pferd geschnürt, und die kleine Regisseurin reitet Aschenbrödel zu. Sie schlüpft in die 5 Freunde Enid Blytons und doppelt mit der Freundin Lottchen. Zusammen schreiben die zwei ihr Ausreißerinnenstück Kinderheim, Uraufführung im Garten bei Opa, der die Gitarre spielt. Mit 13 macht sie in der Schule "Zirkus". Mit 18 will sie endlich ans Theater.

Was sie dort alles kann! Liebesszenen – die spielt sie am liebsten. Dann lässt sie ihre Augen blitzen, dass einem ganz schwach wird. Die Haare knistern. Und das feine Figürchen wird weich und rund und bündelt die Kraft aus der Vibration.

Kaum war sie die Alkmene, springt sie als "Miss Elektrisch" mühelos in die Koloratur von Schwitters’ "Irrsinns"-Gewitter.

Und speien kann sie. So wie sie speit keine! Das Widerwärtigste als hohe Kunst. Wenn sie eine Bulimistin spielt, nascht sie kindlich an der Torte rum. Dann schlürft und schmatzt sie sich hinein in die Fondant-Wonne, bis sie in die Wanne kübelt, eimerweise süße Speise, und aus Würths Gewürge wird finale Fleischeslust. Man muss hinsehen. Muss hinhören. Muss riechen und schmecken, bis es den eigenen Magen hebt.

Diese leichte Frau trägt jeden Mann hinweg und hebt jedes Weib in alle Bühnenwirklichkeiten. Wie macht sie das?

Es ist ihr Ton. Ihr echter, wahrer Ton. Den niemand so bildet wie sie. Selbst wenn sie um ihn ringt oder gar an ihm scheitert. Sie ist auf dem Weg zu ihrer absoluten Authentizität. Nur keine Wiederholungen! Immer wieder neu zugreifen! Nach Reinheit des Herzens strebt sie, zur Klarheit des Hirns will sie hin. Das spürt das Publikum. Würths Part heißt "jetzt": Da sein, präsent sein, wach sein, das Ich nicht verlieren, wenn sie aufgeht im Anderen.