Die Katholische Akademie in Bayern, unweit der Münchner Freiheit gelegen, ist in der Landeshauptstadt ein mal argwöhnisch, mal ehrfürchtig beobachteter Ort. In kirchlichen Kreisen, in denen man um die reine Lehre fürchtet, wird sie zuweilen mehr geachtet als geliebt. Tatsächlich ist die Katholische Akademie eine Versammlung freier Geister. Sie versteht Theologie als strenge Disziplin, nicht als Bastelanleitung für eine Religion ohne Gott.

Nun hat die Akademie zwei Antipoden an einen Tisch gebracht, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten, Joseph Kardinal Ratzinger, päpstlicher Hüter über die katholischen Dogmen, und Jürgen Habermas, den "nachmetaphysischen" Philosophen, der sich für "religiös unmusikalisch" hält. Jeder kommt von einem anderen Stern, und dass sie überhaupt miteinander reden, gilt für manchen als Sensation. Über das konspirative Treffen vor kleinem Publikum herrschte striktes Stillschweigen, im offiziellen Programm der Akademie wurde die Zusammenkunft mit keinem Wort erwähnt. Gemessen an diesem Münchner Geheimhaltungsaufwand, ist der Vatikan eine Plauderstube.

Aber was sollten sich ein Philosoph der Aufklärung und ein dogmatischer Kardinal, dessen Glaubenskongregation Nachfolgerin der Inquisition ist, zu sagen haben? Und worin sollten sie übereinkommen? Glaubt man Ratzingers älteren Schriften, dann ist die liberale, auf die Aufklärung zurückgehende Philosophie ein gefährlicher Aberglauben. Sie hat das göttliche Band zwischen Glauben und Wissen zerschnitten und duldet keine Wahrheit, die größer ist als sie selbst. Liberale Philosophen verwechseln subjektive Wünschbarkeiten mit dem kosmischen Sinn der Welt. Sie sind blind für eine Wahrheit, die ihrer Vernunft vorausliegt: für die vorpolitische Wahrheit der Religion.

Genau darüber, über diese "vorpolitischen moralischen Grundlagen" der Demokratie, sollte Ratzinger mit Jürgen Habermas streiten – also mit einem Philosophen, für den rechtsstaatliche Demokratie und säkulare Vernunft durchaus in der Lage sind, ihre Normativität aus sich selbst zu schöpfen, ohne eine "Absicherung" durch religiöse Überlieferung.

Aber ist die säkulare Vernunft, wie Ratzinger nicht ohne Süffisanz fragte, wirklich so segensreich, wie sie den Anschein erweckt? Die Humangenetik sei im Begriff, den Menschen auf ein industrielles Produkt zu erniedrigen. Und die vermeintlich allgültige säkulare Kultur treibe eine ungebändigte Weltgesellschaft aus sich hervor, obwohl viele Länder die westliche Vernunft ablehnten. "Die säkulare Kultur ist faktisch ebenso nicht-universal wie das Christentum." Muss also für die säkulare Vernunft nicht dasselbe gelten wie für eine terroristisch missbrauchte Religion? Muss sie nicht ebenfalls unter Aufsicht gestellt werden, und zwar unter Aufsicht des "Vorpolitischen" – also unter Aufsicht der Religion?

Es war bei Ratzinger nicht ganz klar, ob die Religion die Rolle eines überdemokratischen Platzanweisers spielen soll oder nur die eines Korrektivs. Die Rolle eines "Kontrollorgans" war für Habermas jedenfalls unannehmbar. Demokratische Verfahren, argumentierte er, seien nicht nur leere Prozeduren, sondern "normativ gehaltvolle Verfahren, die in kleiner Münze schon sittliche Motive enthalten". Deshalb gebe es in der Demokratie keine "Lücke", durch die eine "vorpolitische Substanz" eindringen könne, im Übrigen sei sie auch gar nicht notwendig. Denn anders, als Ratzinger glaube, könne der Verfassungsstaat seinen Legitimationsbedarf aus einem "Argumentationshaushalt" bestreiten, der von religiösen Überlieferungen unabhängig ist.

Das heißt für Habermas nun nicht, aus einer Gesellschaft von Teufeln ließe sich ein Staat machen. Eine Demokratie, die mehr sein will als ein bloßer Modus Vivendi, sei durchaus auf Motive und Tugenden angewiesen, die aus vorpolitischen Quellen stammen, aus religiösen Lebensentwürfen und substanziellen Überzeugungen. Diese enthielten aber nicht das oft beschworene "einigende Band"; der staatsbürgerliche Zusammenhalt entstehe vielmehr erst im demokratischen Prozess, nämlich wenn "substanzielle Werte" in den Streit um die Deutung der Verfassung einflössen, beim Streit um Einwanderungspolitik oder Wehrpflicht.

Mit Genugtuung nahm Ratzinger zur Kenntnis, dass Habermas der Religion Sinngehalte zusprach, für die eine "ethisch enthaltsame" Philosophie keine Sprache habe, ein Gespür für "Verfehlung und Erlösung", Scheitern und Gelingen. Weniger diplomatisch gesagt: Nachdem die Religion zu einem schmerzhaften Anpassungsprozess an die Moderne genötigt wurde, ist für Habermas jetzt das säkulare Bewusstsein an der Reihe. Es "kommt nicht kostenlos in den Genuss der negativen Religionsfreiheit" und müsse lernen, der Religion nicht von vornherein den Wahrheitsgehalt abzusprechen. Dasselbe gelte für den säkularen Staat; auch er dürfe seine "säkularistische" Weltsicht nicht aufspreizen und Religion ignorieren. Und mit einem Blick auf Hirnforschung und "Lebens"-Wissenschaft: "Naturalistische Weltbilder genießen keineswegs prima facie Vorrang vor religiösen Auffassungen."