Amok Es starben ihnen die Liebsten
Mord in der Schule: Ines Geipel sucht nach den Gründen der Tragödie von „Erfurt“
Nach intensiven Recherchen vor Ort und dem Studium aller verfügbaren Quellen“ sei ein Buch entstanden, „das den gesellschaftlichen, historischen und politischen Kontext bis ins Detail ausleuchtet“. So hatte der Verlag Rowohlt Berlin ein Buch über Erfurt angekündigt und damit die Erwartungen sehr hoch geschraubt, als er die Druckfahnen verschickte. „Erfurt“ steht seit dem 26. April 2002 für den Massenmord an 16Menschen, begangen von dem Schüler Robert Steinhäuser, der sich anschließend selbst erschoss.
Für heute reicht’s ist das erste Buch über dieses große Verbrechen, Ines Geipel hat es geschrieben. Die 43-Jährige wurde in der DDR geboren, sie war dort Leistungssportlerin, hat aber nach einschlägigen Doping-Erfahrungen mit dem Sport aufgehört. Sie begann in Jena zu studieren, und floh 1989 aus der DDR. Ihr Studium hat sie später in Darmstadt fortgesetzt und unterrichtet heute als Germanistin an der Berliner Schauspielschule. Ines Geipel ist Autorin mehrerer Bücher. Ihr biografischer Hintergrund kam ihr besonders zugute, als sie in einem Buch über Doping in der DDR den Sportlerinnen eine Stimme verlieh, die sich weder öffentlich noch vor Gericht selbst verteidigen konnten.
Nun also Erfurt. Noch heute müssen dort Dutzende Menschen damit leben, dass ihnen die Liebsten genommen wurden, Frauen, Männer, Kinder. Hunderte, die noch immer mit den Erlebnissen und Bildern des 26.April 2002 zu kämpfen haben. Und die sehr genau hinsehen, was in einem solchen Buch steht.
Ines Geipel hat – den Ankündigungen zum Trotz – aber genau kein Recherchebuch abgeliefert, obwohl sie viele Akten aufblättert. Sie ist keine Journalistin. Ihr Buch sei eine „literarische Dokumentation“, hat sie vorab in einem Interview gesagt. Das klingt nach Grenzüberschreitung, und Ines Geipel hat sich auch schon früher nicht um Genregrenzen geschert. Das ist nicht verwerflich. Es ist im Zeitalter zahlloser Doku-Dramen auch nicht besonders revolutionär. Problematisch ist jedoch, wenn eine Autorin glaubt, dass es für sie überhaupt keine Grenzen mehr gibt; nicht die Grenzen von Feingefühl und Takt, um es mal ganz altmodisch auszudrücken, auch nicht die Grenzen, die Berufsethos oder Opferschutz setzen.
Ines Geipel hat einen Trick angewandt. Sie hat eine Figur erfunden, sie Elsa genannt und ihr eine studentische (Ost-)Biografie verpasst. Die junge Frau muss auf ihren zwanzigjährigen Schultern alles wegtragen, empfinden, wissen und entlarven, was nur eine könnte, die mindestens doppelt so alt ist und ein gänzlich anderes Kindheitsmuster hatte. Die eine Geschichte mit sich trägt wie beispielsweise die Autorin selbst.
Es gehe um Aufklärung, sagt Ines-Elsa immer wieder. Doch je weiter man liest, desto deutlicher wird, dass ihr Grundmotiv nicht Aufklärung ist, sondern Hass. Einen Hass, beispielsweise auf „altes SED-Fleisch“, wie es im Gespräch ihrer fiktiven Zwanzigjährigen einmal heißt. Ein verständlicher Hass, nur verstellt er der Autorin den Blick.
Und so vermischt sie ungerührt den Massenmord des Robert Steinhäuser mit den Verbrechen kommunistischer Kapos im KZ Buchenwald und den Euthanasieverbrechen in Jena, für die Autorin „drei große Akte seriellen Sterbens“, über die lange geschwiegen wurde und die deshalb mal eben so zusammengerührt werden können.
Ines Geipel hat eben nicht „alle verfügbaren Quellen“ ausgewertet. Sie hatte wohl vor allem einen Informanten, einen auch ihr nahen Angehörigen mit Aktenzugang. Ob sie deshalb das Recht hatte, seitenweise aus Polizeivernehmungen, privaten Aussagen zu zitieren, gar Krankenberichte offen zu legen? Die Autorin hat sich das Recht dazu einfach genommen. „Nicht den Faden verlieren, sagt sich Elsa, sich nicht von den geschaffenen Fakten übertölpeln lassen.“ Mit solchen Sätzen macht sich Ines-Elsa zwischenzeitlich Mut.
- Datum 22.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.01.2004 Nr.5
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