Mit der Zeit hat man hinzunehmen gelernt, dass die Fantasien des Films immer wieder mühelos von der Wirklichkeit übertroffen werden, was aber nicht heißt, die Wirklichkeit habe sich inzwischen in Aceton aufgelöst und wir lebten in einem plastinierten, Teletubby-weichen Zwischenreich, in dem alles schön bunt und ein bisschen bizarr ist und deswegen auch so sein darf. Wenn die Recherchen von stern und Spiegel zutreffen, hat sich der Körperwelten- Ausstellungsguru Gunther von Hagens mittlerweile zum Regenten eines haarsträubenden Totenreichs aufgeschwungen.

647 ehemalige Menschen zählt seine Armee der reitenden, Schach spielenden Leichen, dazu 182 Babys und Embryonen. 3909 präparierte Körperteile liegen bereit, um sich irgendwo zwischen London und Tokyo den Neugierigen zu auszustellen. Hagens’ Leichenspeicher steht in der chinesischen Hafenstadt Dalian, plastiniert wird in Heidelberg und Bischkek, Kyrgystan. Es sollen Hingerichtete aus China angekauft worden sein, heißt es jetzt, und keiner will mehr so recht an die Mär freiwilliger "Körperspenden" glauben.

Die Heidelberger Staatsanwaltschaft prüft, ob Straftatbestände in Deutschland und China die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens gegen Hagens und seine Frau nahe legen. Ob beider von Basel und Gibraltar aus tätige Firmen stets ihre Steuern gezahlt haben, wird das Ehepaar ebenfalls nachweisen müssen. Ist das alles nur ein Fall von mad science? Vor allem ist dieser seltsame Konzern ein Stück internationaler Entertainment-Industrie. Mit Volksaufklärung oder dem Baconschen Geist der neuzeitlichen Wissenschaft oder gar der Ästhetik der "inneren Gesichtszüge" des Menschen, wie es bei Hagens so schön heißt, hat das jedenfalls nichts zu tun.

Gelten die Maximen der Menschenrechtspolitik eigentlich auch für Leichenimporte aus Kyrgystan und China, für die Toten vom Lunapark? Ihr Frankfurter, die ihr gerade für zwölf Euro in die Körperwelten- Ausstellung strömt: Hat einer von euch Lust, Teil einer Verwertungskette zu sein, deren Anfang möglicherweise das Opfer eines totalitären Regimes bildete? Wie schmeckt Kontaktschuld?

Das gesamte Rechtfertigungsgerede von Hagens’ ist Käse. Seine Präparate fügen der Wissenschaft nicht eine neue Kenntnis hinzu, und Kunst ist keine Sache der Selbstzuschreibung. Da hilft auch der Beuys-Hut nicht, den der Meister gerne trägt. Als Hagens im November 2002 in London eine öffentliche Leichenöffnung vornahm, opernhaft, unter einer Projektion von Rembrandts Gemälde Die Anatomie des Dr. Tulp, sprach er von der "Demokratisierung der Anatomie". Bloß dass Anatomie und Demokratie gar nichts miteinander zu tun haben. Auf der Körperwelten- Website kann man Bilder von der letzten Love Parade ansehen, unter dem Motto "Technoider Totentanz – Plastinate raven mit". 5,4 Millionen Deutsche haben bisher auch mitgeraved. Beim Chillen können sie sich nun fragen, ob sie sich nicht ein kleines bisschen schämen müssen.