Dieser Widerspruch ist eine Zumutung: hier der Kanzler, der das Reformtempo verschärfen will und Innovation predigt, und dort das Dementi, die gemütliche Moderation des Status quo, ausgerechnet in dem Querschnittsressort, das eigentlich Innovationsträger par excellence sein müsste. Die Rede ist von Manfred Stolpe und dem Ministerium für Bau, Verkehr und Ostdeutschland. Wenn nichts Überraschendes passiert, werden wir erleben, dass Stolpe sich im Herbst feierlich an das Steuer eines Lkw setzt, die On-Board-Unit betastet; sein Bariton wird von Geschichte künden, sein unausrottbares Amtslächeln wird Zuversicht verbreiten. Nur Miesepeter werden dann noch auf den Milliardenverlusten herumkauen, die durch das Desaster mit der Lkw-Maut entstanden sind, werden von fehlender Verantwortung, Kompetenz und ähnlich langweiligen Dingen reden und über vergangene Rücktrittsanlässe hadern. Denn wieder wird Stolpe dort sein, wo es ihn immer hintreibt: obenauf. Nachdem Gerhard Schröder dem Toll-Collect-Konsortium ein Ultimatum stellte, trägt den Minister nun das Kanzlerwort.

Hilfreich findet er diese Intervention, gewiss. Aber natürlich heiße das nicht, dass erst der Kanzler eingreifen musste. Auch das Datum für die Einführung der abgespeckten Mautkontrolle muss passen. Toll Collect hätte am liebsten den 3. Oktober, den Tag der Deutschen Einheit, gewählt. Aber das hält Stolpe dann doch für überzogen. Besser den 26. September! Bei solchen Feinheiten handelt der Minister. Ansonsten liegt ihm jede Kontaktschuld mit seiner Amtsführung fern. Liest man Minister-Porträts aus dem Jahr des Mautskandals, dann steht man vor einer einzigen Ohnmachtserklärung der Öffentlichkeit angesichts des Phänomens Stolpe: "der Unkaputtbare", "Manfred Schuldlos", "Teflonminister". Musste nicht einer seiner Vorgänger, Günther Krause, wegen einer nicht angemeldeten Putzfrau zurücktreten? Jetzt reichen weder Milliardenverluste für die Bundeskasse noch der Ruin des Ressorthaushaltes. Stolpe ist indemissionabel.

"Was muss noch alles passieren, dass er zurücktritt?" In dem Stoßseufzer des FDP-Bundestagsabgeordneten Horst Friedrich summieren sich die Erfahrungen mit dem Minister im Verkehrsausschuss. Die Aura der Vergeblichkeit begleitet alle Kritik. Das Rätsel Stolpe? Er ist ein Identitätspolitiker in eigener Sache. Seine Identität transzendiert alle Parteien und politischen Krisen. Freund oder Feind – das Stolpe-Porträt vereint sie alle. So kehrt sich das Rätsel um: Fragwürdig ist nicht seine politische Existenz, sondern das politische Umfeld, das ihn einbettet.

"Wieso lassen das die anderen mit sich machen?", fragt Stephan Hilsberg, der wegen Stolpes Stasi-Verwicklungen als Verkehrsstaatssekretär zurücktrat. Wie konnte Stolpe so lange mit irrealen Daten der Mauteinführung hantieren, obwohl Monate vorher die Software-Probleme von Toll Collect bekannt waren? Warum gab es angesichts der drohenden Einnahmeausfälle von 180 Millionen Euro pro Monat keine Notfallplanung mit Vignetten? Warum ließ sich der sonst so selbstbewusste Haushaltsausschuss derart vorführen? Da wird ein allerletztes Datum für Toll Collect gesetzt, der 31. Dezember, und mit Kündigung gedroht. Manfred Stolpe verkündet großartig, er werde seine Weihnachtsferien opfern, um dann das Datum zu schmeißen, weil er nun wieder mit dem Konsortium geredet hat. Warum schießt sich die Opposition nicht auf einen Minister ein, der für das größte selbstverursachte Finanzdesaster von Rot-Grün steht?

Die Person Stolpe verdeckt den Politiker. Kein Fachminister sei er, sondern noch immer eine Art "Ministerpräsident, der durch die Lande reist, um Zuversicht zu verbreiten" (Horst Friedrich, FDP); "ein begabter Prediger", aber überhaupt "nicht handlungsorientiert" (die grüne Haushälterin Franziska Eichstädt-Bohlig); "er zeigt niemandem gegenüber eine klare Kante" (der grüne Verkehrspolitiker Albert Schmidt). "Ich hätte nicht selten gerne mit ihm gestritten, aber er ging jeder Konfrontation konsequent aus dem Wege. Das brandenburgische Strahlelächeln war aus seinem Gesicht nicht zu verbannen." Das sagt Klaus Roßberg, sein früheres Gegenüber als stellvertretender Leiter der Kirchenabteilung der Stasi. Er ist "ein Wackelpudding" (Friedrich), "ein Flummi" (Eichstädt-Bohlig), den "man nicht an die Wand nageln kann". Und dann alle im Chor: "Er moderiert nur."

Aber das "nur" ist falsch. Der heutige CDU-Politiker Günter Nooke, der ihm einst als Fraktionsvorsitzender der Grünen im ersten Brandenburger Landtag nahe war, sieht in der Nur-Moderation Stolpes eigentliche Stärke. "Alle halten ihn für unfähig und unterschätzen ihn deswegen." So unterläuft er mühelos die Prüfungen in den Ausschüssen. "Hat er ein Problem, dann beteiligt er alle anderen an der Analyse. Dass er eine politische Verantwortung hat, wird vergessen. Am Ende fühlen sich alle verstanden." Bis zum nächsten politischen Problem. Stolpe hat als Ministerpräsident in Brandenburg Investitionsruinen wie den Cargolifter, den Lausitzring oder die Chip-Fabrik in Frankfurt/Oder hinterlassen; das Land wurde im Ranking der Bertelsmann Stiftung vom 11. auf den 15. Platz zurückgestuft; sein Nachfolger Platzeck muss sich mit der Finanzlast der "Klein-DDR" (Stolpe) herumschlagen – aber das Bild Stolpes, des Landesvaters und Ostvertreters, bleibt intakt.

Auch seine Leutseligkeit bleibt. "Herzlich" sei der Umgang mit dem Personal in der konspirativen Wohnung gewesen, schreibt Roßberg. Im Potsdamer Kabinett reichte er seinen Kollegen Kaffee. Nachdem Marianne Birthler als Bildungsministerin wegen Stolpes Stasi-Kontakten zurückgetreten war, wollte er gleichwohl mit ihr vertraut über Ministeriumsfragen plaudern. Der CDU-Abgeordnete Dirk Fischer lobt trotz allem den "freundlichen und entspannten" Umgang. Auch das Ministerium steht hinter ihm, weil er immer höflich zuhört. Der Pförtner wird selbstverständlich mit Handschlag begrüßt. Gerade kommt er aus Bonn, aus Verhandlungen mit dem Bundesamt für Güterverkehr. Keine Rede von 995 neu eingestellten Mautkontrolleuren, die Kosten verursachen und beschäftigt werden müssen. Er sagt, sie würden jetzt "Mautis" genannt, und die Stimmung sei glänzend. Stolpe, der Obermauti.

Die andere Wirklichkeit, das Super- und Querschnittsministerium, das wichtigste Investitions- und Innovationsressort mit seiner gewaltigen Agenda: Verkehrsvermeidungskonzepte, Telematic, Umlenkung der Verkehrsströme hin zur Schiene. Doch, Stolpe sieht die Probleme, sieht, dass die Bahn im Güterverkehr verliert und dass der hoch subventionierte LKW-Verkehr sich mit dem Scheitern der Maut rasant ausdehnt. Aber was seine persönliche Agenda ist, erfährt man nicht. Allein im Verkehrshaushalt zeichnet sich ein Defizit von 2 bis 2,7 Milliarden Euro ab. Investitionsruinen drohen auf Schiene und Straße. Aber Stolpe ist auch da, wie immer, mit dem Finanzminister im Gespräch. "Den Bauminister Stolpe gibt es eigentlich nicht", sagt Eichstädt-Bohlig. Und den Minister für den Aufbau Ost? Die grüne Haushaltspolitkerin hätte erwartet, dass er im Vermittlungsausschuss darum kämpft, dass die 325 Millionen Euro Einsparung bei der Eigenheimzulage für die Altschuldenhilfeentlastung eingesetzt werden. "Aber es gab nicht einmal eine Erklärung von ihm, dass ihn das drängt."