Das Kapitol radioaktiv verseucht, viele Abgeordnete, Senatoren und Kabinettsmitglieder tot, die Zentrale des Geheimdienstes CIA vernichtet. Bilder vom Anschlag flackern über eine große Leinwand: Ein Frachtflugzeug, präpariert mit einer "dreckigen" Bombe, ist auf den Kongress gestürzt. Der Krisenstab unter der Führung des Verteidigungsministers versucht vergeblich, mit dem Präsidenten, seinem Stellvertreter oder einem anderen Kabinettsmitglied Kontakt aufzunehmen.

Jetzt kommt es darauf an, die richtigen Entscheidungen zu treffen: Werden die Terroristen und Hintermänner nicht schnellstens gefasst, drohen weitere Anschläge. Als Erstes stellt der Verteidigungsminister fest, dass er nun "President Acting" ist. Fortan wird er mit "Mr. President" angeredet. Da treffen die nächsten Katastrophenmeldungen ein: Anschläge auf Pipelines in Alaska, auf Chemiefabriken und Atomkraftwerke, auf Synagogen und Diskotheken. Im Raum herrscht eine bedrückte Stille.

Die Betroffenheit der Beteiligten ist echt, der Terroranschlag dagegen nur simuliert. Wir befinden uns mitten in "Terrorex 04", einem Planspiel auf der dritten amerikanischen Regierungskonferenz in Sachen Homeland Security. Diese Messe rund um den "Heimatschutz" vereinigte im Januar in Las Vegas Mitglieder von Geheimdiensten, Regierung und Militär, Wissenschaftler und Unternehmer. Für die rund 1000 Teilnehmer geht es dabei nicht nur um die Ehre, das eigene Land zu verteidigen, sondern auch um viel Geld: 31 Milliarden Dollar stehen dem 2003 gegründeten Heimatministerium allein in diesem Jahr zur Verfügung. Über 100 Firmen präsentieren in Las Vegas ihre Ideen und Produkte. Die Palette reicht von Netzwerksicherheit über Data-Mining bis hin zu Luftbildern.

Der Top-Terrorist hört auf den Decknamen "Gerhard"

Höhepunkt der Konferenz aber ist Terrorex 04. Das Szenario des Planspiels, von der US-Regierung für die US-Regierung veranstaltet, übertrifft die Attacken vom 11. September 2001 bei weitem, doch wie damals soll Osama bin Laden der Drahtzieher sein. Und die Erinnerung an den Anschlag auf das World Trade Center ist bei allen Mitspielern noch so präsent, dass zumindest gefühlsmäßig die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Besonders verängstigte Teilnehmer verzichten bei der Eröffnungsparty lieber auf offen ausgeschenkte Getränke, aus Angst vor Vergiftung. Spiel und Wirklichkeit greifen bereits ineinander.

Terrorex – das klingt nach einer Art Insektenspray. Dabei steht die Endsilbe -ex für zweierlei: Ausmerzung und Übung (exercise), wobei das eine aus dem anderen folgt – das hoffen zumindest die Veranstalter und Sponsoren. Ersonnen wurde die Simulation von dem Anti-Terror-Berater Russell Keat und dem Planspielexperten Carl Solomon, dem technischen Direktor des Sponsors Boeing Advanced Information System (AIS), der unter anderem Sicherheitstrainings für Fluggesellschaften anbietet. In Las Vegas durften dieses Jahr sogar ausländische Journalisten mitspielen, aber mehr als eine Rolle bei der örtlichen Polizei war für sie nicht drin.

Bei solchen Szenarien geht es Russ Keat nicht um die Vorwegnahme realer Katastrophen, sondern um den Lerneffekt. Die Mitspieler sollen untereinander Netzwerke bilden, damit sie im Ernstfall einen Ansprechpartner haben. Eines machte Terrorex 04 schnell deutlich: Seit dem 11. September mischen in den Vereinigten Staaten so viele Organisationen im Heimatschutz mit, dass selbst ausgebuffte Agenten den Überblick verloren haben und froh sind über Vorträge wie den von William Spalding vom 2003 gegründeten Threat Terrorist Integration Center (TTIC), der nichts weiter zum Inhalt hat, als die eigene Behörde und insbesondere deren Zuständigkeiten zu erklären.

Der Zugang zur Konferenz selbst war übrigens weitaus einfacher als erwartet. Keine Passkontrollen am Eingang, keine Sicherheitsschleuse, nicht einmal die Teilnehmerausweise werden inspiziert. Und das, obwohl kurz vor Weihnachten landesweit die Alarmstufe Orange ausgerufen wurde. Man sei hier mehr oder weniger unter sich, sagen die Besucher. Das einzig sichtbare Zugeständnis an die erhöhte Sicherheitsstufe sind der Golfkriegsveteran Al und die auf Sprengstoffe spezialisierte Hündin Maly, die unablässig durch die Gänge der Ausstellung streifen, stets beäugt von den Spielern. Sind die beiden vielleicht Teil der Simulation? Möglich ist alles, sagen die Veranstalter.