"1968 hielten wir Sex für politisch. Ich entwickelte eine Theorie, derzufolge die Positionen der Kamera wie Stellungen beim Sex waren. Das ›Kamasutra‹ des Kinos war mein ›Kamerasutra‹. Aber 1968 war kein Fehlschlag. Wir haben das Recht auf Illusionen"

Es gab mal eine Zeit, da war es möglich, große Träume zu träumen. Wenn man abends schlafen ging, wusste man: Ich wache nicht morgen auf, sondern in der Zukunft. Zukunft bedeutete: ein Ort, ein Raum, eine Zeit, in der alles möglich war. 1968 ging es darum, die Welt zu verändern. Ich glaube, heute ist diese Idee nicht sehr populär. Die Welt zu verändern bedeutet, selbst davon betroffen zu sein.

Ich höre kaum noch junge Leute von der Zukunft sprechen. Oder von Utopien. Das Wort Ideologie ist ein Schimpfwort geworden. Man sagt: Dieses Buch sei ideologisch, jener Film sei ideologisch. Spätestens seit dem Fall der Berliner Mauer klingt das Wort Ideologie unmöglich. Gleichzeitig sind die Fragen, die der Kommunismus gestellt hat, noch immer auf dem Tisch.

Für mich ist Politik ohne Ideologie uninteressant. Denn das wäre eine Politik ohne Idealismus, überhaupt ohne Ideen. So würde Politik zu einer Technik für Medienprofis. Wenn man etwas gegen jemanden wie Berlusconi unternehmen will, kann man nicht nur von technischen oder pragmatischen Dingen sprechen. Man muss eine ideologische Position haben. Mittlerweile gibt es bei uns in Italien eine Art revisionistischer Anti-68er-Bewegung. Sie sagt: 1968 war ein Fehlschlag. Aber diese Bewegung irrt. Unser heutiges Leben basiert auf den Errungenschaften dieser Zeit. Damals wurde vieles geträumt, was heute selbstverständlich ist. Seinerzeit wurde der Slogan geprägt: "Seid Realisten, fordert das Unmögliche!"

Damals drängte sich die Politik in unser privates Leben. Wir lasen Marcuse. Sex war Politik. Es gab eine magische Beziehung zwischen Sex, Politik und Kino. Alles griff ineinander. Sex wurde angesehen als ein Feld der Revolution. Außer bei den Maoisten, die sehr moralistisch waren. Wenn ein Junge und ein Mädchen etwas miteinander anfangen wollten, sollten sie beim Parteisekretär um Erlaubnis fragen. Viele meiner Freunde wurden damals Maoisten. Sie griffen die Kommunistische Partei von links an. Das glaubten sie jedenfalls. Die Kommunistische Partei wurde als reformistisch beschimpft. Heute im Parlament will jeder ein Reformer sein. Vor 35 Jahren war das die schlimmste Beleidigung.

Seit jener Zeit habe ich beim Filmemachen immer eine zusätzliche Linse. Sie stammt nicht von Zeiss oder Kodak, sondern von Freud. Ich habe mich lange Zeit ironisch als Opfer Freuds bezeichnet. Seit über 30 Jahren habe ich regen Umgang mit ihm. Noch heute gehe ich zur Analyse. Ich hatte vier verschiedene Analytiker. Das hat meine Filme verändert – und meine Sicht des Lebens. Bevor ich mit der Analyse begann, waren meine Filme sehr schwierig. Ich war schwierig, und meine Filme waren es auch. Sie waren hermetisch verschlossen, als würden sie sich der Konfrontation mit dem Publikum verweigern. Für uns gab es damals nur den Film an sich. Das Publikum kam in dieser Betrachtungsweise gar nicht vor. Durch die Analyse hat sich das geändert. Nachdem ich damit begonnen hatte, drehte ich Il Conformista und den Letzten Tango in Paris. Ich bewegte mich von "kein Publikum" in Richtung "zu viel Publikum".

Meine Filme davor waren wie Monologe gewesen. Ich wollte aus dem Monolog einen Dialog machen. Als ich jung war, wurde Vergnügen als etwas Reaktionäres angesehen. Diese Haltung erschien mir stalinistisch. Ich las Roland Barthes’ Essay Die Lust am Text. Ich hörte auf, mich für das Vergnügen zu schämen. Ich entwickelte eine Theorie, derzufolge die Positionen der Kamera wie Positionen beim Sex waren. Das Kamasutra des Kinos war das Kamerasutra. Ich wollte spüren, dass ich Freude bereiten konnte. Aber daraus kann sich schnell eine Abhängigkeit entwickeln.

Ich habe oft davon gesprochen, meinen Vater töten zu müssen. Vatermord ist eine alte Geschichte aus Griechenland, aber es war auch der Lieblingssport meiner Generation. Vor einigen Jahren sagte mein Vater zu mir: "Du bist schlau, du hast mich oft umgebracht, ohne dafür ins Gefängnis zu gehen." Mein Vater hat mir viele Dinge nahe gebracht. Auch diese wundervolle Zeile von Dante: "…wie der, der träumend wünscht zu träumen." Träumer sind Menschen, die keine Wahl haben. Sie sind dazu verurteilt, immer weiter zu gehen.