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Ich habe einen TraumSeite 2/2
Die Welt des Films ist unser kollektiver Traum. Das fängt schon beim Kino selbst an. Die Dunkelheit umfängt uns wie ein großer Schlaf. Wir träumen mit offenen Augen. Jeder erlebt den Traum auf seine Weise. Fragt man zehn Leute, die aus dem Saal kommen, was die Geschichte des Films war, wird man zehn verschiedene Versionen hören.
Heute müssen wir neue Wege finden, Filme zu betrachten. Weil wir mehr und mehr Filme nicht im Kino sehen, sondern im Fernsehen. Da ist kein kollektiver Traum mehr, die ganze Liturgie entfällt. Ein Kino, wie Ende der sechziger Jahre die Cinémathèque Française, ist eine Kirche. Jean-Luc Godard hat einmal gesagt: Kritiker sollten Filme kniend sehen.
Damals wollten wir immer in der ersten Reihe sitzen. In jenen Zeiten gab es den Wunsch, maximal überwältigt, ja zermalmt zu werden. Als ich noch ein glühender Filmfan war – man nennt das in Frankreich cinéphile –, dachte ich, Bilder würden verderben, wenn zu viele Menschen sie betrachten. Heute sehe ich das anders. Dieser Purismus amüsiert mich eher. Cinéphiles sind reine Seher. Ich bin kein cinéphile, denn ich mache Filme.
Bei der Premiere von Little Buddha saß der Dalai Lama neben mir und hielt meine Hand. Er war zum ersten Mal in einem Kino. Für mich, einen dilettantischen Buddhisten, war es ein Privileg, ihn in die Welt des Kinos einzuführen. Er sagte, er habe Filme bis dahin nur im Fernsehen gesehen, in Hotelzimmern. Er staunte: Wie groß das alles ist! In Little Buddha spielen viele echte Lamas mit, und er freute sich jedes Mal, wenn er jemanden erkannte. Viele Buddhisten der Hinayana-Schule sagten: »Sie dürfen den Film nicht Little Buddha nennen. Wie kann Buddha klein sein? Ich hatte aber den Dalai Lama zuvor gefragt. Er hatte mit seinem unwiderstehlichen Lächeln geantwortet: »Wir haben alle einen kleinen Buddha in uns.«
Heute könnte ich mir kaum noch vorstellen, einen Film zu drehen, der die Welt verändert. Das habe ich vielleicht früher einmal gedacht. Bei politischen Filmen, wie
1900.
Damals dachte ich, ein Film kann wenigstens einen Schub in die richtige Richtung geben. Das war eine Illusion. Aber wir haben das Recht auf Illusionen, das Recht zu träumen. Vielleicht ist die Zeit reif für ein neues 1968.
Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke
- Datum 22.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.01.2004 Nr.5
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