Wein Ein Glas unter Freunden
Berlins bestgehütetes Geheimnis: Die Bar, in der der Gast so viel zahlt, wie er will
Ein altes Schild mit gusseisernen Schnörkeln hängt neben der Tür. Darauf steht kein Name, nur das Bild einer Flasche Rotwein ist zu sehen. Durchs Fenster erkennt man junge Leute auf Sperrmüllmöbeln.
Der Mann hinter dem Tresen verdreht die Augen, wenn Leute in sein Lokal kommen und nur Fragen stellen. Vor allem Journalisten mag er nicht. Es ist ihm ein Graus, dass fast täglich welche vor ihm stehen und erfahren möchten, was es mit seiner Weinerei auf sich hat. Die Weinbar, in der es auch Essen gibt, ist in Berlin ein Geheimtipp – vor allem, weil der Gast selbst bestimmt, wie viel er zahlt. Der Mann mit dem französischen Akzent will nicht darüber reden. Er sagt nicht mal seinen Namen.
»Heißt das, Sie möchten nicht, dass neue Gäste in Ihr Lokal kommen?«
»Doch, es ist ja kein Club oder Verein. Aber Werbung würde viel zu viel Aufmerksamkeit erzeugen.«
»Müsste nicht jeder Gastronom über kostenlose Werbung glücklich sein?«
»Tja, bei mir ist das nicht so.«
Das kleine Lokal in Berlin-Mitte ist weniger eine Weinstube oder ein Restaurant als ein gastronomischer Protestversuch. Im Juni 2003 eröffnete der Berliner Weinhändler das Lokal in derselben Straße, in der er auch einen Weinladen führt; ihn ärgerten die hohen Preise der Lokale in der Nachbarschaft. An einem Samstag kurz vor acht Uhr abends ist die Weinerei erst spärlich gefüllt; Berliner sind Nachtmenschen, die spät ausgehen. Die Einrichtung sieht aus, als sei sie beim Trödler gekauft worden, ein Teil stammt tatsächlich von den Gästen. Die tiefen Sessel um die kniehohen Tische lassen einen fast bis zur Tischkante einsinken. Manchmal legt ein DJ Platten auf.
Das Konzept des Weinhändlers ist einfach: Tagsüber ist das Lokal ein ganz normales Café, abends verwandelt es sich in eine Art Weinlokal mit Wohnzimmerflair. Von gewöhnlicher Gastronomie unterscheidet die Weinerei aber vor allem eines: Es gibt keine Karte – und auch keine festen Preise. Jeder Gast »mietet« sich ein leeres Glas, dafür zahlt er gleich zu Beginn einen Euro. Dann bedient er sich selbst an den Dutzenden von offenen Weinflaschen. An diesem Abend steht bereits Cabernet auf der Theke, Dornfelder, Merlot. Wenn der Gast das Lokal verlässt, entscheidet er, welchen Preis er zahlen will. Er wirft die Münzen und Scheine in einen bauchigen grünen Glaskelch – ohne dass jemand den Betrag kontrolliert.
- Datum 22.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.01.2004 Nr.5
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