die zeit: Herr Reemtsma, hat es in der fast neunjährigen Geschichte der beiden Wehrmachtausstellungen Augenblicke gegeben, in denen Sie es bereut haben, sich überhaupt auf dieses Thema eingelassen zu haben?

Jan Philipp Reemtsma: Die Antwort könnte genauso gut "täglich" wie "nie" heißen. Als wir das Unternehmen begannen, hatte niemand eine Idee davon, worauf wir uns eingelassen hatten, was Dauer wie Intensität der öffentlichen Auseinandersetzung angeht und auch die Menge an Zeit und Energie, die da hineinzustecken war. Wenn man dann aber in so einer Sache drin ist, richtet man seine ganze Aufmerksamkeit darauf, mit den auftretenden Problemen klarzukommen. Das ist dann viel zu interessant, als dass die Frage, die ja eher etwas Kontemplatives hat – Wäre es anders nicht vielleicht angenehmer gewesen? – im Vordergrund stehen könnte.

zeit: Wären die Mängel der ersten Ausstellung vermeidbar gewesen, oder waren sie die unvermeidliche Begleiterscheinung eines Lernprozesses?

Reemtsma: Es sind in dieser Ausstellung selbstverständlich Fehler gemacht worden, die vermeidbar gewesen wären. Viele Entscheidungen – etwa die Art der Präsentation, der Stil des Ganzen – haben sich aber erst in der Auseinandersetzung als problematisch herausgestellt, auch gemessen an dem so nicht antizipierten Detailinteresse der Öffentlichkeit.

Ulrike Jureit: Sicherlich wird man heute sagen, man hätte anders mit den Fotos umgehen sollen. Nur ist das ein Ergebnis dieses Diskussionsprozesses. Es hat dazu geführt, dass nicht nur viele Forschungen in Gang gesetzt worden sind, sondern dass sich das Bewusstsein verändert hat, was die Möglichkeiten der Arbeit mit Fotomaterial angeht.

Norbert Frei: Ich glaube auch, dass die Sensibilität für das Foto als historische Quelle erst im Zuge der Kritik an der ersten Ausstellung in dieser Form in die Geschichtswissenschaft transportiert worden ist. Das muss man ehrlicherweise sagen. Auch diejenigen, die sich hinterher aufgeschwungen haben und erklärten: "Wir wissen doch, wie vorsichtig man mit Fotografien umgehen muss", haben das Problem vorher nicht ernst genommen. Es ist, wenn Sie so wollen, der historiografischen Tradition geschuldet, dass man auf das Bild keinen großen Wert gelegt und es bestenfalls illustrativ verwendet hat. Entscheidend aber ist: Der Ausstellung ist es gelungen, einen gesellschaftlichen Reflexionsprozess über die Legende von der "sauberen Wehrmacht", die ja eine Nachkriegskonstruktion gewesen ist, in Gang zu setzen – was allen wissenschaftlichen Arbeiten bis zu diesem Zeitpunkt nicht gelungen war.

zeit: Bedurfte es also der Provokation, um überhaupt erst einmal eine Bresche in die Mauer des Beschönigens und des Verdrängens zu schlagen?