Die Empörung war schon da, bevor der Vorschlag überhaupt ausgesprochen war: "Was fällt den kranken Hirnen noch alles ein, um unsere Sprache zu zerstören?", empörte sich eine Leserin auf der Website der Deutschen Sprachwelt, Organ des Vereins für Sprachpflege. Dessen Schriftleiter Thomas Paulwitz hatte die Ankündigung eines Symposiums an der Universität Bochum gelesen, in dem der Mathematiker Lothar Gerritzen mit Sprachforschern, Psychologen und Didaktikern am vergangenen Montag über das deutsche Zahlenaussprechsystem diskutieren wollte. Paulwitz witterte Gefahr: "Es wäre für die deutsche Sprache nur schwer zu verkraften, nach dem Rechtschreibchaos jetzt auch noch ein solches Aussprachechaos zu schaffen!"

Es mutet tatsächlich skurril an, was der Bochumer Mathematikprofessor vorschlägt: Statt einundzwanzig sollen wir in Zukunft zwanzigeins sagen und dreihundertvierzigsieben. statt dreihundertsiebenundvierzig Deutsch gehört zu den wenigen Sprachen in der Welt, in der die Zahlen von links nach rechts geschrieben, aber ganz anders gesprochen werden. Bei den zweistelligen Zahlen kehrt sich noch einfach die Leserichtung um. Werden die Zahlen größer, ist das Chaos perfekt: Beim Lesen der Zahl 54381 etwa springen wir von der zweiten Ziffer zur ersten, dann zur dritten, zur fünften und enden mit der vierten. "Das Verblüffende ist, dass das überhaupt funktioniert!", wundert sich Gerritzen.

Millionen Deutsche schreiben zweistellige Zahlen, indem sie erst einmal eine Lücke lassen und dann die Ziffern von rechts nach links notieren. Der Trick funktioniert aber ab drei Stellen nicht mehr, und der Computer erwartet beim Eintippen auch die Zehner vor den Einern. Die Folge: haufenweise Zahlendreher beim Notieren von Telefonnummern, fehlerhafte Buchführung in Unternehmen. Vor allem aber: Deutschsprachige Kinder haben es in der Schule schwerer, den Umgang mit Zahlen zu lernen. Vollends verwirrt sind sie, wenn sie zweisprachig aufwachsen. Das haben etwa Studien mit Züricher Schulkindern gezeigt, deren Rechenleistungen im Alter von sieben Jahren im internationalen Vergleich nur noch von einer Stichprobe aus der brasilianischen Unterschicht unterboten wurden. Zwar hatten die Schweizer im Alter von zehn Jahren ihren Rückstand weitgehend aufgeholt. Trotzdem stellt sich die Frage: Sind die eigentümlichen deutschen Zahlwörter vielleicht sogar an der Pisa-Misere schuld?

Zugegeben, in fast allen Sprachen gibt es Ungereimtheiten zwischen Sprech- und Schreibweise, aber sie sind meist nicht so systematisch wie die Verdrehung des Deutschen. Die Franzosen nennen die Zahl 92 quatre-vingt-douze, also "viermal zwanzig und zwölf". Bei den Dänen heißt die 60 einfach tres, wobei man sich wohl "dreimal zwanzig" denken soll, und 50 heißt halvtreds, also irgendwie "halb drei" . Die Bretonen benennen die Zahl 18 mit "dreimal sechs", die Waliser mit "zweimal neun". Und der afrikanischen Sprache Nimbia liegt ein lupenreines Zwölfersystem zugrunde: Dort heißt 144 einfach wo. Lediglich die Chinesen verfügen seit Jahrhunderten über ein sauberes Dezimalsystem in Sprache und Schrift. Und chinesischen Schülern unterlaufen folglich, das ist empirisch nachgewiesen, weniger Dreher als den Englisch sprechenden, die sich ja immerhin noch bis 20 mit verdrehten Wörtern wie thirteen herumschlagen müssen.

Bei den Zahlen über 20 dagegen hat die englische Sprache seit dem 16. Jahrhundert den Wandel vollzogen – im ganzen Land wurde aus four-and-twenty das heutige twenty-four. In Deutschland dagegen blieb alles beim Alten. Das lag einmal an Adam Ries, der seinen Landsleuten, die bis dahin römische Ziffern geschrieben hatten, die Rechenung auff der Linien vnnd Federn beibrachte. Und beim schriftlichen Rechnen geht man ja tatsächlich von hinten nach vorn vor. Außerdem, vermutet Gerritzen, habe die deutsche Kleinstaaterei einen koordinierten Wandel verhindert – heute heißt dieser Hemmschuh Kultusministerkonferenz.

In einem Land wurde der Wechsel von oben verordnet. In Norwegen, das zwei Amtssprachen besitzt, gilt seit 1951 per Gesetz: "Zehner werden vor den Einern ausgesprochen." Lange lebten dann in dem skandinavischen Land beide Sprechweisen friedlich nebeneinander – die offizielle benutzte man in der Öffentlichkeit und im Geschäftsleben, im Privaten hielt man sich lange noch an die alte. Die junge Generation von heute empfindet die Art, wie ihre Großeltern manchmal noch die Zahlen bezeichnen, inzwischen als altertümlich.

Lothar Gerritzen stößt mit seinem Vorschlag bei Praktikern, die täglich mit lernschwachen Kindern zu tun haben, auf offene Ohren. Der Psychiater Michael von Aster, der in Berlin und Zürich arbeitet, berichtet von ansonsten durchschnittlich intelligenten Kindern, bei denen aufgrund der Verwirrung über unsere Zahlenschreibweise 57 + 30 die Summe 500 ergibt. Solchen Kindern das Leben einfacher zu machen erfordere "didaktische Bemühungen – oder eine Kulturrevolution!" Erich Wittmann, Mathematikdidaktiker von der Universität Dortmund, findet, dass unsere Sprechweise nicht nur das Rechnenlernen verlangsamt, sondern überhaupt die Erfassung von mathematischen Mustern. Er empfiehlt aber, die Sache "tief zu hängen". Er will dem reformmüden Volk keine weitere radikale Veränderung zumuten, sondern setzt auf allmähliche Entwicklung. Faktisch lernen die Kinder nämlich schon das Rechnen nach der Methode zwanzigeins: Wenn sie 547 und 361 addieren sollen, so rechnen sie "5H 4Z 7E + 3H 6Z 1E", gesprochen: fünf Hunderter, vier Zehner, sieben Einer plus drei Hunderter, sechs Zehner, ein Einer. Von da ist es nicht mehr weit zu fünfhundertvierzigsieben plus dreihundertsechzigeins. Wenn man eine solche Sprechweise in der Grundschule einführen und neben den "normalen" Zahlwörtern benutzen würde, dann könnte das glatt in den Sprachgebrauch übergehen, glaubt Wittmann.

Auch Gerritzen beteuert, dass er den Deutschen keine neue Sprache verordnen will, sondern ebenfalls auf den Wandel durch Koexistenz setzt. Derart beruhigt, konnte sich das Publikum des Bochumer Symposiums in einem Schlussvotum mehrheitlich mit einer sanften Zahlwortreform anfreunden: Die Abstimmung endete dreiunddreißig zu sieben – Verzeihung: dreißigdrei zu sieben.