Auf die Frage, ob ihn Afrika fasziniert habe, beschied Gerhard Schröder kurz und klar: "Faszination, das kann ich mir nicht erlauben." Aber Einsichten auf seiner Reise durch vier afrikanischen Staaten habe er viele gewonnen. Und ein bisschen Ruhe vermutlich auch. Der Bundeskanzler war eine Woche lang weit weg von den Dauerkrisen und Reformdebatten in der Heimat. Er wirkte aufgeräumt und heiter, selbst wenn er mitten in Afrika nach so urafrikanischen Themen wie zum Schicksal Florian Gersters befragt wurde."Schröder setzt Afrika auf die Landkarte Deutschlands", lobte der Business Day, die einflussreichste Wirtschaftszeitung Südafrikas. Das ist gewiss übertrieben, denn Afrika hat für Deutschland weder geopolitisch noch ökonomisch eine nennenswerte Bedeutung. Aber der deutsche Kanzler hat allerorten die richtigen Themen angesprochen und den richtigen Ton angeschlagen. Er hat hier ermutigt, dort gemahnt und rundum Zustimmung erfahren. Und er ist in kein Fettnäpfchen getreten.Wer allerdings erwartet hatte, der Kanzler würde auf dieser Safari eine neue Afrika-Politik verkünden, sah sich am Ende enttäuscht. Wobei es recht seltsam anmutet, wenn ausgerechnet die FDP ein neues Konzept verlangt – eine Partei, in der viele Funktionäre vermutlich gar nicht so genau wissen, wo Afrika liegt. Es bleibt jedenfalls auch unter Schröder bei der alten Strategie, und die ist negativ definiert. Wir müssen uns irgendwie um Afrika kümmern, um gleichsam die Kollateralschäden von uns selbst abzuwenden. Mit Schröders Worten: "Niemand kann in Sicherheit leben, wenn es in seiner Nachbarschaft Unsicherheit und Streit gibt."Unsicherheit und Streit – das klingt mit Blick auf Afrika geradezu verharmlosend. Denn dort toben verheerende Bürgerkriege, Hungersnöte und Seuchen. Millionen von Menschen sind auf der Flucht, viele versuchen, ins rettende Europa zu gelangen. Zugleich bilden die zerfallenden Staaten Afrikas einen idealen Nährboden für so genannte "Chaosmächte" und Gewaltakteure. Das könnten Kriegsfürsten sein oder religiöse Fundamentalisten, aber auch internationale Terroristen, auch wenn es dafür bislang wenig Beweise gibt.Diesem Kontinent, daran ließ Schröder keinen Zweifel, muss im wohlverstandenen Eigeninteresse geholfen werden. Aber er rief den Afrikanern auch nachdrücklich ihre Eigenverantwortung bei der Überwindung der Misere ins Gedächtnis. Kritiker wittern in dieser Mahnung der Versuch, sich aus der Verantwortung für Afrika zu stehlen. Natürlich ist Afrika auf Schröders Agenda kein "big issue", kein Hauptthema. Aber würde er durch diese krisengeplagten Teil der Welt fahren, wenn er ihm völlig gleichgültig wäre?Schröder hat als erster westlicher Regierungschef Kenia besucht und den Neuaufbruch nach dem sensationellen Machtwechsel Ende 2002 gewürdigt. Überhaupt war die Reiseroute gut gewählt – sie führte zu den Hoffnungsträgern auf einem Erdteil, der oft ein verlorener genannt wird: nach Südafrika, das zehn Jahre nach dem Untergang der Apartheid zur demokratischen Führungsmacht des Kontinents herangereift ist; nach Ghana, dem einzigen Stabilitätsfaktor in Westafrika. Und nach Äthiopien, wo die neugegründete African Union ihren Sitz hat. Dieser Staatenbund nach dem Leitbild der EU soll den Nepad-Plan verwirklichen, das ehrgeizige kontinentale Wiederaufbauprogramm, welches auch von den G-8-Staaten unterstützt wird.Wer Afrika nur durch die Brille des barmherzigen Samariters betrachtet, wer ihn als ewiges Opfer wahrnimmt und behandelt, wird indes wenig zu seiner Renaissance beitragen – auch diese Einsicht blitzte während der Reise des Kanzlers auf. Zugleich signalisiert seine Visite eine Art "Re-Politisierung" der Afrika-Politik, weg von der antiquierten humanitären Einwegstrategie, hin zu differenzierteren Ansätzen, vor allem auf den Feldern der Sicherheitspolitik und Wirtschaft. Gerhard Schröder vergaß dabei nicht, Selbstkritik zu üben. Er forderte die EU auf, ihre Handelsschranken allmählich abzubauen. Denn die rauben den afrikanischen Bauern jedes Jahr mehr Zukunftschancen, als ihnen eine höchst umstrittene Entwicklungshilfe eröffnen kann.

Vom Autor ist das Buch
Ach, Afrika - Berichte aus dem Inneren eines Kontinents
Siedler Verlag, Berlin, 384 S., 24 Euro
erschienen