Der will auch mal in die Sonne!", lästerte ein Beamter des Auswärtigen Amtes. Warum sonst sollte ein deutscher Bundeskanzler sechs Tage durch einen mutmaßlich verlorenen Kontinent touren? Um den Wahlmarathon des Jahr 2004 einzuläuten, ganz bestimmt nicht, denn mit Solidaritätsgesten für die so genannte Dritte Welt gewinnt man heutzutage keine Stimmen mehr. Vermutlich hat Arnold Vaatz, der Vizevorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion, Recht: "Schröder schiebt ein Thema ein, das nicht so konfliktträchtig ist."

Vaatz gehört zur aussterbenden Spezies von Abgeordneten, die sich für Afrika engagieren. Er hat dem Bundeskanzler eine lange Wunschliste mit auf die Reise nach Äthiopien, Kenia, Südafrika und Ghana gegeben, die afrikanische Artenvielfalt möge ebenso geschützt werden wie die deutschen Wirtschaftsinteressen. Vor allem aber erwartet er von Gerhard Schröder "eine Kehrtwende in der deutschen Afrikapolitik". Man wundert sich. Weil es eine Politik, die diesen Namen verdient hätte, hierzulande gar nicht gibt.

Anders als die Exkolonialmächte Frankreich und England pflegt Deutschland keine besonderen Interessen in Afrika, nur der Öllieferant Nigeria und die Regionalmacht Südafrika sind nennenswerte Handelspartner. Ein strategisch bedeutungsloser und wirtschaftlich marginaler Erdteil – so war das unter Kohl, so ist es unter Schröder.

Wozu also brauchte man eine Afrikapolitik? Es genügt das Motto des barmherzigen Samariters: Afrika, das heißt Armut. Und die muss man irgendwie bekämpfen, um ihre Ausgeburten abzuwehren: Flüchtlingsheere, Fundamentalismus, globales Verbrechen, Seuchen. Trotzdem fällt die deutsche Bilanz auch im Sektor Entwicklungshilfe mager aus – das Budget für Afrika beim Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit ist im Laufe der neunziger Jahre um 20 Prozent geschrumpft. Und jetzt sind die Mittel noch knapper geworden. Da werden Zuschüsse storniert, Botschaften aufgelöst und Goethe-Institute zugesperrt, als würde Afrika demnächst in die ewige Finsternis zurücksinken.

Hilfsorganisationen, Kirchengruppen oder Experten, die von der Regierung Schröder eine entwicklungspolitische Wende erhofft hatten, bezichtigen sie des Wortbruchs. Fest steht: Die rot-grüne Koalition hat ihr Minimalziel – Kontinuität in der Entwicklungszusammenarbeit – verfehlt. Man mag einwenden, dass sie lobenswerte Projekte vorangetrieben hat, die Entschuldung der ärmsten Staaten zum Beispiel. Dennoch klaffe "zwischen den ehrgeizigen Zielen und der Realität ein große Lücke", befindet der Politikwissenschaftler Ulf Engel. Speziell die deutsche Afrikapolitik habe seit dem Fall der Mauer stetig an Bedeutung verloren. "Den zuständigen Ministerien scheint es an jeder detaillierten Vision zu fehlen."

Jetzt also reist der Chef, und die Apparate werden kurz innehalten – um in aller Ruhe ihre antiquierte Politik fortzuführen. Immerhin, Gerhard Schröder besucht Afrika, das ist für einen deutschen Krisenkanzler allerhand. Er wird die Selbsthilfekräfte des Kontinents beschwören und die Handelshemmnisse Europas kritisieren. Er wird viel über Sicherheitspolitik und den globalen Terrorismus reden. Er wird zum Kampf gegen Krieg, Armut und Aids aufrufen und die demokratischen Vorbilder Kenia, Südafrika sowie Ghana bestärken. Er wird vermutlich den Staatsterroristen Robert Mugabe scharf verurteilen, denn der regiert nicht das riesige China, sondern das ausgehungerte Simbabwe. Wer würde nicht all diese Forderungen und Mahnungen unterstützten? Aber spätestens wenn der Bundeskanzler in Berlin gelandet ist, wird wieder das "freundliche Desinteresse" (Arnold Vaatz) einkehren. Dann gilt auch für ihn wieder der Donnersatz des Reichskanzlers Bismarck: "Meine Karte von Afrika liegt in Europa."