Merrimack, New Hampshire
Das wichtigste Ergebnis der Vorwahl im winzigen US-Bundesstaat New Hampshire ist die Wahlbeteiligung. 200 000 Menschen gaben ihre Stimme ab, 20 Prozent mehr als der bisherige Rekord. Keiner der demokratischen Präsidentschaftskandidaten wird die Wähler derart begeistert haben, dass sie in Scharen bei klirrender Kälte an einem Werktag zu den Wahlurnen strömten. Bei ihrem Votum ging es offenkundig um einen Mann, der gar nicht auf dem Stimmzettel stand: George Bush. Seit vielen Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten, war die Basis der demokratischen Partei nicht mehr derart mobilisiert. An der Basis rumort es. George Bush scheint die Partei, seit dem Ende von Bill Clintons Präsidentschaft in Lethargie liegend, wiedererweckt zu haben. Alle Umfragen deuten darauf, dass nichts den Parteimitgliedern wichtiger ist als einen Kandidaten zu finden, der George Bush schlagen kann. Deshalb sind die Wähler äußerst pragmatisch. Die politischen Unterschiede zwischen den Kandidaten erscheinen ihnen zweitranging. Hauptsache, ins Weisse Haus zieht ein Demokrat ein. „Anybody but Bush“ lautet der Slogan. So erklären sich auch die grossen Wählerwanderungen der vergangenen Wochen. Die Wahlentscheidung unterliegt taktischen Überlegungen.

Wer Präsident werden will, muss zunächst mal aussehen wie ein Präsident. Ins Weiße Haus muss man passen. Muss auftreten und sprechen wie ein Präsident. Das tut John Kerry, mit 39 Prozent der Stimmen der klare Sieger von New Hampshire. Kerry können sich die Menschen als Herausforderer Bushs vorstellen. Sie hoffen, das ein Ostküsten-Patrizier und Establishment-Kandidat jede Debatte mit dem Amtsinhaber bestehen kann. Kerry verströmt Sicherheit und Zuverlässigkeit. Nun verleihen ihm zwei Wahlerfolge die Aura der Unbesiegbarkeit. Mit gewaltigem Momentum geht Kerry in die Wahlen vom kommenden Dienstag, wenn in sieben Staaten des Südens und Westens gewählt wird. Doch Vorsicht! Die Zusammensetzung der Wähler wird nun völlig anders werden. In Arizona sind Latinos eine Macht, in South Carolina Schwarze. Ein neuenglischer Patrizier wird es dort viel schwerer haben.

Als Favorit wird Kerry von nun an erbarmungslosen Angriffen ausgesetzt sein. Seine demokratischen Konkurrenten werden seine Biographie ebenso flöhen wie die Republikaner. Als Altlinken dürften sie ihn karikieren oder auch als Mann, der seine Meinungen wechselt wie die Unterwäsche. Erst wenn Kerry das Stahlgewitter der Kritik überstanden hat, darf er als chancenreicher Präsidentschaftskandidat gelten.

Der Verlierer von New Hampshire heisst Howard Dean. Fast zwei Jahre lang hat er in New Hampshire Wahlkampf betrieben und am Ende nur 26 Prozent der Stimmen erhalten. Seine ganze Strategie zielte darauf, Iowa und New Hampshire für sich zu gewinnen und danach das ganze Land. Nun steht er mit leeren Händen da, ein doppelter Verlierer. New Hampshire war der Anfang vom Ende seiner Kandidatur. Als ätzenden Kritiker der Regierung Bush hat ihn die Parteibasis kennen- und schätzen gelernt. Als Präsidenten sehen sie ihn nicht. Das ist die Botschaft der ersten Wahlen. Dean, der frühere Governeur von Vermont, hat sich seine Niederlage selbst zuzuschreiben. Eine ganze Serie kleinerer und größerer Fehler im Wahlkampf haben die Wähler an seiner Eignung zweifeln lassen. Der Primatenschrei nach der ersten Wahlniederlage in Iowa war nur der symbolische Höhepunkt. Davon hat sich Howard Dean nicht mehr erholt. Gewiss, er hat vergangene Woche in New Hamsphire gekämpft und zu zeigen versucht, dass der wahre Howard Dean ein netter und zuverlässiger Mensch ist. Einer, dem man bedenkenlos das Land anvertrauen kann. Tatsächlich verhinderten seine starken Auftritte in New Hampshire den Fall ins Nichts. Seine Kandidatur ist damit trotzdem noch nicht gerettet. Howard Dean gab seiner Partei im vergangenen Jahr die Stimme zurück, als er als erster vehement gegen den Irak-Krieg argumentierte. Dass er zur Belohnung Präsidentschaftskandidat wird, ist nun unwahrscheinlich geworden. Seine letzte Chance ist der Wahlgang der kommenden Woche. Nur der Sieg in mindestens einem von sieben Staaten kann der Beginn eines Comebacks sein.

Der zweite Verlierer von New Hampshire heißt Wesley Clark. Er ist Opfer seiner eigenen Taktik geworden. In Iowa trat er nicht an, weil er glaubte, dort nicht schnell genug Unterstützung organisieren zu können. Stattdessen setzte er alles auf die Wahl von New Hampshire – ein gravierender Fehler. Clark ist damit zur Hebamme der Wiedergeburt John Kerrys geworden. In Iowa suchten die Wähler nach einer Alternative zum unberechenbaren Howard Dean – und fanden John Kerry.
Die Aura des Sieges trug Kerry nach New Hampshire. Da halfen die anfangs blendenden Umfragewerte für Wesley Clark nicht mehr. Zudem verwickelte er sich im Wahlkampf ständig in Widersprüche. Die Wähler haben ihn brutal bestraft. Nun setzt Clark seine ganze Hoffnung auf Oklahoma, wo kommende Woche gewählt wird. Gewinnt er dort nicht, war der Ausflug des Generals in die Politik von kurzer Dauer.

Falls John Kerry überhaupt noch zu schlagen sein sollte, dann am ehesten von Senator John Edwards. Der war in Iowa knapp hinter Kerry Zweiter und schnitt in New Hampshire mit 12 Prozent besser als erwartet ab. Nun geht die Marathon-Wahl in den Südstaaten weiter. Gewinnt Edwards in seinem Heimatstaat South Carolina, hat Kerry einen neuen Herausforderer. Denn Edwards besitzt den Vorteil der Herkunft. Er spricht einen breiten Südstaaten-Dialekt. Seit 40 Jahren haben die Demokraten die Stimmenmehrheit in Amerika nur noch gewonnen, wenn sie einen Südstaatler nominierten – ob Jimmy Carter, Bill Clinton oder Al Gore.

Der jungenhafte Senator Edwards ist deshalb so gefährlich für den Spitzenreiter Kerry, weil er Massen schnell zu begeistern versteht. Er ist ein sonniger Links-Populist, auf den besonders Frauen fliegen. Er wirkt wie eine Mischung aus John F. Kennedy und Bill Clinton. Wer ihm zuhört, fühlt sich wie im Gottesdienst einer Erweckungsgemeinde. Das kommt an im Süden. Und ohne den Süden können die Demokraten nur schwer gewinnen. Edwards ist die Geheimwaffe der Demokraten. Wenn sie zündet, ist alles möglich; ob sie zündet, aber ungewiss.