Für Reisewarnungen ist der Professor gar nicht zuständig. Dennoch gibt er Rat. „Als Huhn würde ich jetzt nicht nach Südostasien reisen“, sagt Herbert Schmitz vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. In der Tat: Über eine Million Stück Federvieh wurde von den Keulkommandos in Thailand, Indonesien, Vietnam innerhalb weniger Tage getötet, nachdem in den Geflügelfarmen das Hühnergrippevirus H5N1 förmlich explodiert war. Seit Montag grassiert ein offenbar weniger gefährlicher Huhnkiller auch in Pakistan. Dort fielen ihm in den 30 000 Geflügelfarmen rund um die Hafenstadt Karachi bereits 3,5 Millionen Stück Federvieh zum Opfer. Und auch die Menschen können sich nicht in Sicherheit wiegen – mindestens neun sind seither an dem Vogelerreger schwer erkrankt, acht von ihnen bereits tot (Stand 26.1.).

Angesichts des massiven Ausbruchs in den Geflügelbeständen müsse man sich eigentlich wundern, meinen die Virusfachleute, dass bislang nicht mehr menschliche Opfer zu beklagen seien. Er sei sich zwar sicher, beteuert Michael Pfleiderer, Leiter des Fachgebiets Virale Impfstoffe beim Paul-Ehrlich-Institut, dass in Asien sehr viele Infizierte herumliefen, von denen man sogar das Virus isolieren könne. „Nur werden sie aus irgendwelchen Gründen nicht krank.“ Auch sein Kollege Schmitz versichert, dass H5N1 nicht gern auf den Menschen überspringt: „Man braucht schon eine sehr hohe Dosis.“ Eine massenhaftes Verbreitung der Hühnerpest unter Menschen gilt nach wie vor als sehr unwahrscheinlich. Aus diesem Grund dienen alle bisherigen Maßnahmen, eingeschlossen die der Killerbrigaden in den Hühnerhöfen, ausschließlich dem Schutz der weltweiten Geflügelbestände. Denn für die Tiere sei H5N1 als hoch aggressiv einzustufen, sagt PEI-Impfstoffforscher Pfleiderer: „Alles, was Huhn ist, bringt es um.“

Das gilt zum Leidwesen der Impffachleute auch für Hühnerembryonen, auf denen bislang die Impfstoffe gegen die humanen Grippestämme erbrütet wurden. H5N1 aber widersetzt sich. Es ist so tödlich, dass auch die Embryonen in der Impfstoffproduktion dem Erreger zum Opfer fallen. Gleichwohl wollen die Forscher in den Startlöchern stehen, sollte H5N1 durch Mutation die Fähigkeit erlangen, schnell von Mensch zu Mensch zu springen. Wie also bereitet man sich vor auf das gefürchtete Szenario?

Um das Virus für die Impfstoffproduktion etwas abzuschwächen, mischen die Forscher in den weltweit verteilten Influenzazentren der Weltgesundheitsorganisation WHO immer wieder die neuesten Virus-Isolate aus Südostasien mit harmloseren Virusstämmen, die den Eiern nicht schaden. Beim genetischen Austausch zwischen den viralen Cousins, hoffen sie, entstehen Mischlinge, die sich einerseits für die Impfstoffproduktion eignen und zugleich die äußerlichen molekularen Merkmale von H5N1 tragen. Sollte H5N1 doch zum globalen Seuchenzug antreten, würden die Referenzstämme der WHO aktiviert und zur Vakzineherstellung eingesetzt. Allerdings, meint Pfleiderer, dauere die Produktion der ersten 100 000 Dosen für Deutschland zwei bis vier Monate. Säuberlich verwahrt, dienen diese Designerstämme als Referenz für den Fall der Fälle: die Entstehung eines völlig neuen Influenzastammes, mit dem die Menschheit noch nie konfrontiert war und den deshalb keine menschliche Immunabwehr bremst. Solch eine Brut könnte eine verheerende Pandemie auslösen.

Die in Asien grassierende Hühnergrippe wäre die ideale Gelegenheit für die Geburt der gefährlichen Mutante. Denn immer dann, wenn ein gewöhnlicher Grippekranker zusätzlich von der Hühnergrippe infiziert wird, besteht die Chance, dass die beiden Erreger genau die genetischen Informationen austauschen, die das Vogelvirus menschengängiger machen. „Jeder neue Infektionsfall“, sagt Hans-Dieter Klenk, Leiter des Instituts für Virologie in Marburg, „erhöht das Risiko, dass sich ein neues Virus bildet, welches auch von Mensch zu Mensch übertragbar ist.“ Doch nicht nur doppelt infizierte Menschen könnten aus H5N1 und einem Menschengrippevirus einen neuartigen Influenzaerreger übelster Sorte ausbrüten. Viel größer ist die Gefahr, dass so etwas in den Schweinezuchten des Region passiert. Dort bilden sich die viralen Mischlinge durch Gen-Austausch im Körper von südostasiatischen Hausschweinen, die für Menscheninfluenza ebenso gut empfänglich sind wie für die Vogelgrippe.

Dennoch sei die Gefahr einer Grippe-Pandemie wie 1918/19, der damals 20 bis 40 Millionen Menschen zum Opfer fielen, heute wohl nicht mehr so groß, meint Schmitz. „Wir haben jetzt antivirale Mittel und Antibiotika gegen bakterielle Superinfektionen.“ Viele der damaligen Opfer seien – bereits geschwächt durch die Grippe – vor allem durch zusätzlichen Bakterienbefall und dadurch verursachte Lungenentzündungen gestorben. Im Zeitalter von weit besseren sanitären und hygienischen Verhältnissen, Antibiotika und den neuen antiviralen Neuraminidasehemmern ist eine derart verheerende Seuche wie in den Jahren des Ersten Weltkriegs kaum mehr denkbar. „Die Sache ist vor allem spektakulär, weil die Züchter jetzt Massen an Hühnern töten“, urteilt Schmitz. „Das ist aber wohl die billigste Methode der Bekämpfung.“