Bis zu sechs Stunden lang sitzt Lukas jeden Tag vor der Glotze. Am liebsten guckt er Zeichentrickfilme auf RTL2 oder spielt am Computer Kommissar Kugelblitz. Für Hausaufgaben, Hobbys oder Treffen mit Freunden hat der Sechstklässler schon lange keine Zeit und Lust mehr. Außerdem schämt er sich sowieso, das Haus zu verlassen.

Mit kummervollem Blick guckt Lukas an seinem Körper herunter und versucht vergeblich seinen Bauch einzuziehen. Der wölbt sich trotz aller Anstrengungen und eines Schlabberpullis sichtbar über die Jeans. "Ich will nicht mehr so pummelig sein", sagt er beschämt. "Sonst hören die anderen in der Schule doch nie auf, mich zu hänseln."

Lukas ist fast zwölf Jahre alt. Er ist nicht nur viel zu schwer für sein Alter, sondern hat noch ein großes Problem, das er nicht in den Griff bekommt. Lukas ist medienabhängig. So lautet zumindest die Diagnose von Diplom-Psychologin Simone Trautsch, die den Jungen im Wichernhaus im Ostseeheilbad Boltenhagen therapeutisch behandelt.

Seit einem halben Jahr bietet das Kinderkurheim Wichernhaus unter der Trägerschaft des Diakonischen Werkes die nach eigenen Angaben weltweit erste Therapie gegen Medienabhängigkeit von Kindern und Jugendlichen an. Die Nachfrage ist groß, besonders in den Schulferien gibt es wochenlange Wartezeiten.

"Es gibt bislang keine exakte Definition zur Medienabhängigkeit von Kindern, da die wissenschaftliche Forschung hier noch in den Anfängen steckt", sagt Simone Trautsch. "Wenn ein Kind mehr als vier Stunden lang täglich vor dem Flimmerkasten sitzt, dann zeigt es aber bestimmte Symptome wie Konzentrationsschwäche, Gereiztheit oder Schlafstörungen." Wann genau man es als medienabhängig diagnostizieren könne, müsse jedoch individuell entschieden werden. Untersuchungsergebnisse gibt es bislang nicht, genauso wenig wie genaue Zahlen zum Internet-Konsum.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt, dass Kinder zwischen zehn und dreizehn Jahren nicht mehr als 90 Minuten täglich fernsehen sollten, und weist gleichzeitig darauf hin, dass der durchschnittliche Fernsehkonsum bei Kindern dieser Altersgruppe bei täglich 108 Minuten liegt. In den USA wird sogar noch mehr geglotzt und im Internet gesurft. Dort gucken nach Angaben des Journal of the American Medical Association 26 Prozent der Kinder mindestens vier Stunden lang täglich Fernsehen, 67 Prozent der Kinder sitzen mindestens zwei Stunden lang pro Tag vor dem TV.

Die Psychologin Trautsch, 40, hat die neue Therapie zusammen mit Ute Garnew, 44, der Geschäftsführerin des Wichernhauses, entwickelt. "In den letzten zehn Jahren hat in Deutschland die Zahl der Kinder mit Fettsucht drastisch zugenommen", sagt Simone Trautsch. Sie hat Ursachenforschung betrieben und festgestellt, dass nicht nur falsches Essverhalten und mangelnde Bewegung, sondern auch übermäßiger Fernsehkonsum, Fixierung auf Computerspiele und das Internet dahinterstecken. "Auf diese Kombination unterschiedlicher Probleme versuchen wir mit unserer Therapie einzugehen."

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