Kolumbien Die leeren Seiten einer Stadt

Cartagena ist von melancholischer Schönheit. Nur die Geschichte der kolumbianischen Hafenstadt liest sich wie ein Heldenroman

Cartagena war die Perle des spanischen Kolonialreiches. In der Altstadt wohnen nur die Reichen. Die anderen gehen abends durch das Tor der Uhr (rechts im Bild) in die Slums jenseits der Mauern

Foto: Fausto Giaccone/Agentur Anzenberger

Die Häuser sind gepflegt, die Farben frisch, die Straßen sauber. Doch das ist Fassade. In der ehemaligen Hauptstadt des Sklavenhandels führen die Schwarzen bis heute ein armseliges Dasein

Fotos: Hans Silvester/Agentur Focus (o.); Fausto Giaccone/Agentur Anzenberger

Cartagena ist so schön, dass es eine Erfindung sein muss. Vor langer Zeit nahm irgendjemand eine Feder in die Hand und schrieb: Cartagena. Der Autor hatte sich ein pralles Stück vorgenommen. Als Erstes entwarf er eine Halbinsel, die vom Festland nur durch einen Sumpf getrennt war. Ein guter Platz, geschützt und zugleich über den Rio Magdalena verbunden mit dem Herzen des reichen südamerikanischen Kontinents. Bald darauf saß Cartagena wie ein zu Stein gewordener Papagei an der karibischen Küste, prächtig, leuchtend, fröhlich – krächzend und schnatternd auch. In den Kathedralen priesen die Gläubigen Gottes Güte, in den Klöstern dienten die Mönche dem Herrn, in den Lagerhallen schwitzten die Hafenarbeiter, und auf den Marktplätzen feilschten die Händler. Ein Summen und Schwirren lag über der kolumbianischen Stadt, ein Geklapper, Gekreische und Geschrei. Cartagena war eine Perle des spanischen Kolonialreiches. Hier kam über den Rio Magdalena das Gold aus dem Inneren des Landes an. Im Hafen verschiffte man es nach Spanien, wo es den Ruhm der katholischen Könige mehrte. Wer Cartagena eroberte, schnitt dem spanischen König die Lebensader ab und wurde gleichzeitig reich. Wer wollte da nicht sein Leben riskieren?

Piraten griffen an, Kriegsschiffe bombardierten die Stadt, Soldaten liefen den Strand hinauf zur Festungsmauer, Franzosen, Engländer, Filibuster. Sie metzelten, plünderten und starben zu Dutzenden am Strand im Feuer der mächtigen Kanonen – Cartagena, das war eine lange Kette von Niederlagen und Siegen. Eine Geschichte voller Helden und Versager, voller Verräter und Racheengel.

Am besten war dem Autor Blas de Lezo geraten. Als dieser die Militärkommandatur Cartagena 1737 übernahm, hatte er schon 40 Jahre im Dienst des Königs verbracht. Er hatte auf allen Weltmeeren gesegelt und gekämpft. Mit 15 Jahren verlor er ein Bein in der Seeschlacht von Vélez-Málaga, bei der Verteidigung Toulons ließ er ein Auge zurück, und bei der Rettung Barcelonas vor den Engländern zerschoss ein feindlicher Soldat seinen Arm. Er war genau genommen ein Krüppel, noch bevor er 25 Jahre alt wurde. Die größte Tat stand ihm jedoch noch bevor: die erfolgreiche Verteidigung Cartagenas gegen den englischen Admiral Vernon im Jahre 1740. Natürlich starb er in der Schlacht, das gehörte zu so einem Leben dazu.

Cartagena war also ausstaffiert mit kräftigen, farbigen Persönlichkeiten. Cartagena war die Lebenspralle. Doch wer die Stadt heute besucht, wird den Eindruck nicht los, dass der Schreiber irgendwann das Interesse an der Stadt verloren hat, dass ihm der Griffel aus der Hand gefallen ist, weil er nicht mehr die Kraft hatte für weitere Ideen. Erschöpft ließ er von der Geschichte ab.

Der Zeitpunkt lässt sich nicht mehr feststellen, vielleicht war es im 19. Jahrhundert, als das spanische Weltreich endgültig zerfiel. Vielleicht hörte er mit dem Fortschreiben des Schicksals dieser Stadt auf, als Blas de Lezo auf der Festungsmauer fiel. Schließlich war das ein Höhepunkt in der heroischen Geschichte der Stadt. Vielleicht geschah es auch später. Sicher ist nur, dass es dieses Cartagena noch gibt, die Mauern, die Häuser, die Kathedralen und die Menschen. Die Stadt ist also noch da, aber die grandiose Vergangenheit findet keine Fortsetzung, und in den Gassen der Stadt hat sich die Melancholie eingerichtet – eine besondere, eine karibische Lebensschwere.

Die Menschen sitzen, von der Hitze ermattet, im Parque Bolívar unter schattigen Bäumen und dösen vor sich hin. Sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen, weil keiner mehr das Stück für ihr Leben schreibt. Sie sitzen auf den Parkbänken wie Puppen. Die unsichtbaren Fäden hängen schlaff herab. Und keiner nimmt sie in die Hand. So läuft Cartagena vor sich hin, leer und schön. Die Stadt ist ganz verzweifelt darüber und versucht, den Weg wiederzufinden zu ihren allerbesten Zeiten oder zumindest dorthin, wo sie noch blühte. Aber es will ihr nicht recht gelingen. Natürlich, die Fassaden der Häuser sind gepflegt, die Farben frisch, die Straßen sauber; alles scheint so zu sein wie früher, aber in Wahrheit kreist Cartagena um sich selbst, gefangen von den Mauern, die zu seinem Schutz gebaut wurden. Eine einbalsamierte Schönheit.

In diesem Gefängnis bieten die fliegenden Händler alles Mögliche an: kubanische Zigarren, Sonnenbrillen, T-Shirts, Hüte, Uhren, Schmuck, Gürtel. Aber es kauft niemand, weil die Touristen nicht in Scharen kommen wollen. Und so bleibt die Stadt allein mit ihrem armseligen Dasein. Die Wasserverkäufer schieben ihre Karren über die Straße. Ihr Klingeln hallt durch die Gassen. Der Fischverkäufer schleppt zwei Kübel über den Platz und preist seine Ware an: Pescado! Pescado!, schreit er so laut, dass selbst die Fische im Meer es hören und sich davonmachen. Aus der Kathedrale Santo Domingo dringt die Stimme des Priesters. Gott hat hier noch viel Gefolge, darunter zwei Krüppel, die am Toreingang ausgestreckt liegen, als gehörten sie zum Inventar der Kirche. Im Inneren riecht es nach Muff. Ventilatoren rühren die schwere Luft um. Schimmel hat grüne Landschaften an die Decke gezeichnet. Die Gläubigen knien auf den Bänken, und es ist nicht vorstellbar, dass sie sich je wieder aufrichten können.

Wie voll hingegen muss die Kirche gewesen sein, als am 19. März 1586 Francis Drake am Horizont erschien! Die Gebete der Frauen und der Alten haben das Kirchenschiff angefüllt wie ein einziger Angstschrei, während draußen auf den Mauern die Kanonen donnerten, die Gewehre knallten und die Säbel zischten. Der Priester bat Gott um seinen Schutz, aber Gott sorgte sich nicht um Cartagena an diesem Tag. Drake nahm die Stadt nach bitterem Kampf ein. Er ließ sich in dem Haus des Gouverneurs nieder. Als er dort in den Dokumenten stöberte und seinen Namen fand mit dem Zusatz: Pirat, empörte er sich. Pirat!! Seine Majestät, die Königin von England, höchstselbst hatte Drake nach der Einnahme von Panama 1580 zum Ritter geschlagen. So einer sollte sich als Pirat bezeichnen lassen! Ob dieser Schmach brach sein Zorn über die Stadt herein wie ein alles verschlingendes Feuer. Er ließ 200 Häuser zerstören, und von den Stadtoberen verlangte er die Unsumme von 400000 Dukaten, die sie freilich nicht bezahlen konnten. Zur Strafe beschoss Drake die Kathedrale, bis vom Mittelschiff nur mehr ein Trümmerhaufen übrig blieb.

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