Kleidung in Deutschland ist ein heikles Thema. Denn ihre Kleidung ist etwas, mit dem sich Deutsche vom Rest der Welt besonders deutlich unterscheiden, mit dem sie besonders schnell und fast überall identifiziert werden und mit dem sie niemals und nirgendwo eine gute Figur machen. Der Deutsche, der nichts lieber hat, als auf Reisen einzutauchen und unerkennbar unterzugehen in fremden Kulturen, sticht in Wahrheit in der Fremde besonders deutlich hervor. Er ist leider nicht nur gezeichnet durch die Verbrechen der Nazizeit, die ihm über alle Generationen hinweg zugerechnet werden, sondern auch durch seine Herrensandalen, Frotteesocken und kantigen Designerbrillen, die er nur allein sich selbst zurechnen kann. Er wird nicht geoutet, er outet sich selbst, weiß aber nicht, wodurch.

Die schreckliche und rührende modische Unbewusstheit des Deutschen hat vor allem einen Grund: Er weiß nicht, dass Mode eine Sprache ist, das heißt, immer ein Ausdruck von etwas. Noch viel weniger ahnen wir, dass Mode auch dann als Ausdruck von etwas gelesen wird, wenn ein solcher Ausdruck gar nicht angestrebt wurde; jedenfalls nicht von uns. Der Deutsche denkt zum Beispiel, dass Kleidung auch unter rein praktischen Gesichtspunkten betrachtet werden kann. Fragte man einen deutschen Mann, warum er Sandalen trage, würde er antworten: Weil es so angenehm sei, wenn die Füße gekühlt werden.

Angehörige romanischer Völker würden sich bei einer solchen Antwort schaudernd abwenden; schon deshalb, weil damit ein Bild schwitzender Füße, ganz allgemein ein Bild hässlicher Kreatürlichkeit, heraufbeschworen wird, von dem Mode ihrem Verständnis nach gerade ablenken soll. Italiener oder Portugiesen würden sich aber noch aus einem anderen Grunde verwundern: weil ihnen der Gedanke gänzlich fremd ist, Schuhe zu Zwecken besserer Transpiration zu wählen. Schuhe sollen ihrer Meinung nach schön sein, das heißt, dem Ansehen des Trägers vorteilhaft, seine erotische Wirkung und soziale Stellung heben und die unvorteilhaften Seiten der menschlichen Natur unterschlagen.

Die Natürlichkeit, die der Deutsche unter den praktischen Aspekten seiner Kleiderwahl gern betont, ist den romanischen Völkern kein Kriterium; darum ihr Entsetzen über die unrasierten Frauenbeine oder Achselhöhlen, die von manchen Deutschen als Beweis der erfolgreichen Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen gefeiert werden. Dazu gehört auch der verbreitete Verzicht auf Make-up und Lippenstift – man spaziere nur einmal, des Kontrastes halber, durch ärmere Viertel Mexico Citys oder São Paulos, um zu beobachten, worauf andere Frauen auch unter erbärmlichen Lebensumständen demonstrativ nicht verzichten. Deutsche Frauen haben offenbar besondere Angst davor, als Sexualobjekt gesehen zu werden, was aber nicht heißt, dass sie deswegen in anderen Bereichen reüssierten. Das Gegenteil ist leider der Fall. Nirgendwo in Europa sind Frauen im Beruf so wenig erfolgreich wie in Deutschland. Möglicherweise verhindert das übermäßige Augenmerk auf die Symbole der Emanzipation die tatsächliche Emanzipation – das nur nebenbei bemerkt.

Es ist nämlich keineswegs so, dass jene Deutschen, die das Praktische, Natürliche und Gesunde in der Mode bevorzugen, damit die gesellschaftliche Seite der Mode erfolgreich abgeschüttelt haben. Auch wir sprechen durch unsere Kleidung, aber es ist ein ideologischer, kein ästhetischer Diskurs. Der unrasierte und luftdurchlässig gewandete Deutsche will ein Bekenntnis ablegen: zum Beispiel gegen die Diktatur von Schönheitsidealen, die Herrrschaft des Kommerzes, vielleicht auch die Überschätzung von Äußerlichkeiten. Seine Mode ist Antimode. Es gibt eine mehr als 100-jährige Tradition in der Verachtung äußerer Konventionen, die darüber selbst wieder zur Konvention geworden ist. Seit der Jugendbewegung der vorletzten Jahrhundertwende, vielleicht aber auch schon seit den Pietisten des 18. Jahrhunderts wird sie in regelmäßigen Wellen aktuell; zuletzt in der linksalternativen Bewegung der achtziger Jahre, die jede Form von Eleganz für eine Art Sünde hielt.

Der Tugendbegriff der Antimode ist so eingewurzelt, dass er in seinem ideologischen Charakter längst nicht mehr durchschaut wird. Der Kreuzberger Hausbesetzer, der in monatelangem Ehrgeiz seine Rastalocken filzte und färbte, bis sie an das schwarz-gelbe Fell junger Schäferhunde erinnerten, wird wohl kaum ein Bewusstsein davon gehabt haben, dass er damit kein politisches, sondern ein modisches Bekenntnis ablegte.

Zur Unkenntnis des gesellschaftlichen Zeichencharakters gehört auch die verbreitete Meinung, in der Kleidung nichts weiter als seinen individuellen Geschmack zeigen zu können. Der Deutsche, wenn er die Sandalen nicht praktisch begründen will, würde wahrscheinlich stattdessen sagen: "Ich trage gerne Sandalen" – in völliger Verkennung des Umstands, dass dieses Ich damit nicht allein steht, erstens, und dass es zweitens in der Mode nicht um das geht, was man "gern" tut, nach Maßgabe einer inneren Empfindung, sondern um einen sozialen Ausdruck, der sich allgemeiner Zeichen bedienen muss, um verstanden zu werden. In die gesprochene Sprache wird, wer verstanden werden will, auch keine privatsprachlichen Ausdrücke einführen – es sei denn, in der Familie.

Aber das ist es wohl, dass der Deutsche denkt, er sei in der Familie oder könne sich doch so benehmen wie daheim. Er hat keinen Begriff vom gesellschaftlichen Raum. Kleidung in Deutschland muss mutmaßlich nicht als ästhetisches, sondern als soziales Problem beschrieben werden. Die Ausreden, warum Kleidung nicht aus eigentlich modischen, sondern aus praktischen, medizinischen oder rein individuellen Präferenzen gekauft werde, sind zu zahlreich, um nicht verdächtig zu sein. Manches spricht dafür, dass die Zeichen der Mode durchaus gelesen werden können, aber nicht gelesen werden sollen: aus Angst vor einer sozialen Wahrheit, die in dem Klassencharakter der modischen Signale steckt.