In seinem Roman Die verlorene Partitur vergleicht Roberto Cotroneo das Katastrophenfinale von Chopins Vierter Ballade mit der Erregung eines Menschen, der auf der panischen Suche nach einem verschwundenen Dokument einen riesigen Schrank durchwühlt, alle Schubladen herausreißt, bis er von den Bergen an genialem Material fast erschlagen wird und schließlich gar nicht mehr weiß, was er eigentlich gesucht hat. Zieht man einmal das mörderische Tempo von Chopins unvollendetem Meisterwerk ab, lässt sich auch Yasmina Rezas neues Stück mit einem chaotischen Suchmanöver vergleichen, bei dem gleich fünf Personen im Vorrat ihrer Geschichten wühlen, von den herabfallenden Erkenntnissen hart getroffen werden, aber hinterher gar nicht mehr wissen, was sie auf der Bühne eigentlich verloren hatten.

Yasmina Reza, die Französin mit persisch-ungarischer Abstammung, war mit dem postmodernen Partyknüller Kunst (1994) zur meistgespielten Dramatikerin der Welt aufgestiegen. Ihr neues Stück Une pièce espagnol, das nun im Pariser Théâtre de la Madeleine Weltpremiere hatte, widmet sie weniger zeitgeistreich den intimeren Leidenschaften des Schauspielerberufes. Sie hat es wie ein Schubladensystem in 28 Kurzakten aufgebaut, die in schneller Folge auf- und zugeschoben werden, wodurch abwechselnd Rolle und Person zum Vorschein kommen.

Damit der Sprung zwischen den Ebenen gelingt, ist das Stück eingespannt in den Spielrahmen einer Schauspielprobe: Fünf Darsteller erarbeiten ein spanisches Theaterstück. Darin stellt eine Mutter ihren beiden erwachsenen Töchtern ihren neuen Geliebten vor, einen biederen Hausverwalter, der nun selber wie ein Darsteller vor Familienpublikum agieren muss. Zugleich sind die Töchter auch Schauspielerinnen. Die Jüngere sonnt sich bereits im Glanz des Starrummels, die andere hat es nur bis zu einem Vorstadttheater gebracht, wo sie zur Einübung ihrer Rolle zu allem Unglück auf ihren versoffenen Ehemann als Hilfsrepetitor angewiesen ist.

So proben die Schauspieler also ein spanisches Stück, in dem ein bulgarisches Stück geprobt wird, welches wie eine verschwundene Partitur nur zu erahnen ist. Aber es geht gar nicht um Handlung oder Geschichte, sondern um die Entäußerung der Figuren vor einem Gegenüber. Das gelingt stets am besten, wenn der Dialogpartner nur imaginiert ist. So werden die kurzen Spielszenen regelmäßig von Monologen unterbrochen, in denen die Darsteller entweder mit dem unsichtbaren Regisseur im Zuschauerraum streiten oder sich in ihren eigenen Bekenntnissen über ihre Rolle, Kostümierung oder Profession ergehen.

Ganz tief in einer der szenischen Schubladen, in denen die erfolglose Tochter ihre Vorstadtrolle als Klavierlehrerin probt, taucht auch Chopins mysteriöse Vierte Ballade auf. "Bloß nicht sentimental werden", ruft die Lehrerin ihrem unbegabten Schüler zu. "Dieses Finale wird auch die ,Katastrophe der Leidenschaft‘ genannt, und Leidenschaft lebt von Klarheit und Zurückhaltung." Das ist eine ziemlich heruntergedimmte Interpretation, doch der imaginierte Klavierschüler, den der betrunkene Gatte als Hilfskomparse gibt, versteht nichts und lässt seine Frau mit grausamer Gefühlskälte aus allen Rollen heraus ins Nichts fallen.

Die Überschneidungen und Identitätswechsel ergeben Rollenschubläden mit doppelten Böden. Darin steckten oft witzig-groteske Vexierbilder, die die Passionen und Identitäten erst im gesteigerten Spiel zu sich kommen lassen. Der Regisseur Luc Bondy, dem die Autorin das spanische Stück gewidmet hat, vermag die Bühne – ein blutrot getünchtes Wohnzimmer mit Designersofa, Hausbar und folkloristischem Stierfresko – wie ein Choreograf zu gliedern. Doch trotz prominenter Besetzung mit Marianne Denicourt, Thierry Fortineau, André Marcon, Bulle Ogier und Dominique Reymond bleibt das Schattenboxen und Seelenstechen matt, weil die Figuren sämtlich auf Ältlichkeit getrimmt sind. Eingehüllt in das Dämmerlicht einer Lebensabendsonne, fehlt dem Stück die Fokussierung von Rezas Drei Mal Leben, für dessen Inszenierung Luc Bondy zuletzt in Wien gefeiert wurde. Statt wie dort in drei aufeinander folgenden Varianten die verschiedenen Selbstzerfleischungsmethoden von Ehepaaren streng durchzuspielen, agieren die fünf Darsteller des spanischen Stücks ihre Doppel- und Dreifachrollen in assoziativen Clustern aus, in denen die Beziehungskisten wahllos gestapelt werden.

So bleibt für das Happy End nur noch der beherzte Griff in die komödiantische Restetruhe. Die Autorin sagt, sie habe dieses Werk intimer und musikalischer als ihre anderen Arbeiten komponiert. Doch mit Chopins Raserei hat dieser abendfüllende Schubladenhüter nichts gemein. Tatsächlich erklingt in der letzten Klavierszene aus dem Off eine ganz andere Musik, und man wundert sich nicht, wie der Abend ausläuft: auf dem dünnen Ton von Mendelssohn.