Essay „Bete und schächte“Seite 4/4
Die Christen
Im christlichen Bewusstsein ist kaum verankert, dass die ursprüngliche Schöpfungsordnung vegetarisch war. Im Paradies aß niemand Fleisch, weder Tier noch Mensch. Doch schon bald fielen die Lebewesen übereinander her, sodass der Schöpfer sich veranlasst sah, Konzessionen zu machen. Fleischessen wurde dem nachsintflutlichen Menschen nun unter der Bedingung erlaubt, dass er das Blut als Sitz der Lebensseele dem Herrn zurückerstatte. Ein Rechtfertigungsritus für die Tötung jedes einzelnen Tierindividuums war entstanden – das Schächten – und blieb als Zeichen unstillbarer Sehnsucht nach der gewaltfreien Zone des Paradieses in der jüdischen Kultur ein Stachel im Fleisch eines jeden Fleischessers und priesterlichen Metzgers.
Anders bei den Christen. Der Heidenmissionar Paulus verwarf die Rituale seiner ehemaligen jüdischen Glaubensgenossen. Seither ist die Tierschlachtung eine ganz und gar säkulare Angelegenheit, mit der sich die christliche Theologie lange Zeit nicht mehr befasste. Ob auf dem Speisezettel Fleisch, Fisch oder Gemüse stand, stellte sich von nun an nicht mehr als Problem des barmherzigen Umgangs mit einer Kreatur Gottes, sondern lediglich als Frage der religiösen Askese. Dafür bildeten sich die munter Fleisch essenden christlichen Gesellschaften seit der frühen Neuzeit viel darauf ein, Metzger wie Henker zunehmend sozial zu isolieren und – beispielsweise – als vermeintlich mitleidlose Gesellen nicht beim Schöffengericht zuzulassen. Der Metzgerberuf, der im Judentum nach geradezu rabbinischen Weihen verlangt und auch im Islam ein achtenswertes Handwerk mit besonderen charakterlichen Anforderungen darstellt, galt im katholischen Kirchenrecht noch bis 1983 als dispensbedürftiges Hindernis für den Priesterberuf. Ein Wandel kündigt sich allerdings schon an, als Luther dem selbstherrlichen Ebenbild Gottes den Spiegel des Homo peccator vorhält, wegen dessen Erbsünde die ganze Schöpfung seufze und leide. Hier setzt eine verantwortungsethische Wende von der Krone der Schöpfung zum Treuhänder Gottes ein und inspiriert noch die ökotheologische Debatte des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Zunehmend identifiziert sich der Mensch mit dem leidenden Tier, auf das sich nun auch die tätige christliche Nächstenliebe erstreckt.
Doch überwiegend stehen Christen und Religionslose mit leeren Händen vor den jüdischen und muslimischen Schlachtritualen. Technikgläubig füllen sie mit der Frage nach der Betäubung eine Lücke in der christlich-säkularen Kultur und lenken damit von dem Problem der Qualitätsstandards im Umgang mit Schlachttieren ab. Wo bleibt die Reflexion auf ein Ethos der Tiertötung – vom Schlachter bis zum Fleischkonsumenten? Die Realitäten unserer Massentierhaltung, Tiertransporte und Schlachthofvorgänge stellen den Überlegenheitsgestus der Nichtjuden und Nichtmuslime infrage.
Ein interkultureller tierethischer Dialog kommt in Deutschland an drei Notwendigkeiten nicht vorbei: erstens, sich über die blinden Flecken der christlich-säkularen Tradition aufzuklären, zweitens den Holocaust als Manifestation einer menschenverachtenden Ausrottungsmentalität zu reflektieren sowie drittens über die durch die Suprematie der westlichen Industrienationen verursachte Kränkung der islamischen Kultur nachzudenken.
Die katholische Theologin Heike Baranzke arbeitet als Ethikerin an der Universität Tübingen
- Datum 29.01.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



