Glosse
Dr. med. Powell
Diplomatie ohne Comment ist wie Chirurgie ohne Anästhesie. Deshalb bemühen sich Diplomaten zwanghaft um eine Sprache, die den Patienten nicht vom Tisch springen lässt. Geschnitten wird aber doch, und wie man’s richtig macht, hat gerade Colin Powell in einem Beitrag für Iswestija und bei seinem Auftritt in Moskau bewiesen. Milden Wortes, aber mit feiner Klinge hat er das Putin-Regime an ein paar Regeln im Umgang mit dem eigenen Volk und mit der Welt insgesamt erinnert, die Schröder, Chirac und Kollegen bislang nicht angemahnt haben.
Die „politische Macht“ sei noch nicht gänzlich „an das Gesetz gebunden“, also: Der Rechtsstaat werde neo-zaristischer Herrschaft unterworfen. „Freie Medien und politische Parteien“ hätten noch nicht den Weg in die Unabhängigkeit geschafft, will sagen: Unter Putin gilt immer mehr das Prinzip „Alle Macht dem Kreml“. Weiter zur Außenpolitik. Hier kritisierte Powell „gewisse Aspekte“ des Krieges gegen Tschetschenien und fügte hinzu: Nachbarstaaten hätten das „Recht auf friedliche und respektvolle Beziehungen“ mit Russland. Entschlüsselt, war damit Moskaus Weigerung gemeint, seine Truppen aus Georgien abzuziehen.
Und dann der geziemende Kontrapunkt: Er wolle sich bestimmt nicht in die Innenpolitik „einmischen“; er sei „nur ein Freund, der mit einem anderen sprach“, erzählte Powell hernach der versammelten Presse. Lloyd George, britischer Premier, böllerte 1919, kurz vor dem Gang nach Versailles: „Diplomaten wurden nur zum Zweck der Zeitvergeudung erfunden.“ Dr. Powell demonstriert das Gegenteil. Er hat, anders als seine westlichen Kollegen, dem Patienten endlich das Überfällige gesagt, aber so glatt und gefällig, dass er im Kreml keinen Tobsuchtsanfall provozierte.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
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