Kunst Zerschnippelte Bierbauchkultur

Eine fabulöse Ausstellung in Madrid ehrt Hannah Höch, die Pionierdame der Fotocollage

Peter Krieger, neben dem Kunsthistoriker Eberhard Roters und dem Kritiker Heinz Ohff in den Nachkriegsjahren einer der Wiederentdecker von Hannah Höch, der Dada-Freundin und Pionierdame der Fotocollage, beschreibt in einem Ausstellungskatalog von 1980 einen Besuch in dem von Pflanzen und Blumen umstellten und durchwachsenen ehemaligen Wärterhäuschen in Berlin-Heiligensee, dem Fluchtort und Refugium der Künstlerin seit dem Ausbruch der Naziherrschaft: „Eine schmale Tür führte von der Veranda ins Atelier, das ein mächtiger alter Arbeitstisch völlig beherrschte. Dort häufte sich jenes Material, das in erster Linie der Collagistin und Fotomonteurin diente: schwarzweiße und farbige Papiere, disparate Ausschnitte aus Illustrierten, Katalogen und Prospekten; Kartons voller Zeitungen, alte Zigarrenschachteln mit Fundstücken, daneben Leimtöpfe, Lupen, Gewichte, Pinselbündel, Farbstifte und Lineale, Messer, Gartenscheren. Aber mitten im Sammelsurium des großen Tisches lagen jene Scheren, die einzig und allein der Arbeit an den Collagen und Fotomontagen dienten und unter gar keinen Umständen für etwas anderes benutzt werden durften.“

Der Lebensraum, der Arbeitsplatz von Hannah Höch, der hier beschrieben wird, ist nur im ersten Eindruck charmant-chaotisch, auch nicht zu vergleichen mit einer der Künstler-Mülldeponien unserer Tage, vielmehr war er Vorratskammer und Werkstatt zugleich. Wobei die Bestände der Vorratskammer in Hannah Höchs jüngeren Jahren natürlich noch nicht so überquellend, das Material und die Instrumente der Arbeit aber von Anfang an gegeben waren. Was Hannah Höch in einem Zusammenspiel aus Fantasie und Disziplin aus diesen Vorgaben machte, sind, neben Ölbildern und Aquarellen, präzise gearbeitete Komposit-Bilder aus Zeitschriften- und Zeitungsfotos, die leider selten zu sehen sind, vor allem aus konservatorischen Gründen.

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Wenn jetzt eine umfangreiche Ausstellung ihres Œuvres im Centro de Arte Reina Sofía in Madrid gezeigt wird, so verdankt sich das vor allem dem Kurator Juan Vicente Aliaga, der Hannah Höch auf dem Umweg über Gender Studies entdeckte, und Gunda Luyken, der wissenschaftlichen Leiterin der Künstler-Archive der Berlinischen Galerie, die dafür sorgte, dass Hannah Höchs Sammelalbum fotografischer Vorlagen zum ersten Mal ans Licht des Ausstellungstages geholt wurde.

Zwei Fälle von kompetenter Begeisterung, und nun hängen in den großen Räumen und an den dicken Wänden des ehemaligen Madrider Krankenhauses die zumeist zierlichen Arbeiten von Hannah Höch, die in Deutschland zum letzten Mal 1993 in einer Ausstellung ihrer Geburtsstadt Gotha zu sehen waren. Natürlich hätte es Hannah Höch amüsiert, dass ein spanischer Kunsthistoriker sie jetzt auf dem Umweg der Geschlechterschlachten entdeckt, nachdem bereits die Feministinnen vor Jahren versucht haben, sie einzutüten. Für Hannah Höch (1889–1978) waren diese Debatten kein Thema, sondern animierender und schmerzlicher Teil ihrer ganz privaten Biografie, nicht solidarisch hochzurechnen.

Dada mit Küchenmesser

Sowohl im Leben wie auch im Nachleben war sie ein Fall für Besserwisser. Der sanfteste unter ihnen war Kurt Schwitters, mit dem sie seit den zwanziger Jahren eine lebenslange Freundschaft verband und für den sie zwei Grotten des Merz-Baus gestalten durfte. Schwitters animierte sie nur, ihren Vornamen durch ein h am Ende zu vervollkommnen. Anders ging Raoul Hausmann vor, der Künstler, Schriftsteller, Monokelträger aus Wien und Mitbegründer von Dada-Berlin, den sie 1915 kennen lernte, als sie bei Emil Orlik in der Lehranstalt des Kunstgewerbemuseums studierte. Hausmann, von dem sie später schrieb, er habe ihren Horizont „recht gewaltsam, aber beträchtlich erweitert“, war gerade frisch chloroformiert von Freud, Weininger & Co und ließ sie wissen: „Ich habe die Aufgabe, dich zu erlösen.“ Nach sieben Jahren war die kuriose, stürmische Geschichte dieser versuchten Zwangsemanzipation an ihr trauriges Ende gekommen und Hannah Höch reif für eine Frauenfreundschaft.

Natürlich duldeten die Dada-Herren, die sich später auch um das Erstgeburtsrecht in Sachen Collage stritten, die zierliche, aber beharrliche junge Frau bei ihren Veranstaltungen zunächst nur im Publikum. Im Jahr 1919 aber, da war sie 30 Jahre alt, durfte Hannah Höch sich an der ersten internationalen Dada-Schau in Berlin mit einigen abstrakten Aquarellen beteiligen, und 1920 nahm sie an der Ersten Internationalen Dada-Messe im Kunstsalon Dr. Otto Burchard mit zwei Dada-Puppen und den Collagen Schnitt mit dem Küchenmesser, Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkultur Deutschlands und Diktatur der Dadaisten teil. Die Madrider Ausstellung, die den Bogen spannt von den frühen, ornamental-expressionistischen Linolschnitten (1915/1918) über die fabulösen Fotocollagen der zwanziger und frühen dreißiger Jahre, die symbolisch überfrachteten Lebenslandschaftsbilder, die Vegetationsbilder und späten schmetterlingsleichten Fotomontagen bis hin zu dem collagierten Selbstporträt (1972/ 73), zeigt sehr deutlich, dass Collage und Montage für Hannah Höch kein Stil war, sondern die das Leben und die Arbeit bestimmende Methode.

Schon als Kind vergnügte sie sich mit Juxpostkarten, in die man wechselnde Köpfe einkleben und dadurch groteske Situationen schaffen konnte. In Berlin arbeitete sie, um Geld zu verdienen, zehn Jahre lang dreimal pro Woche im Ullstein Verlag, wo sie Handarbeitsvorlagen und Vignetten entwarf und so die Herstellung der frühen Illustrierten miterlebte. Von „einer Kunstform, die auf dem Boden der Fotografie gewachsen ist“, spricht Hannah Höch in einem der wenigen Texte über ihre Arbeit und nennt die Fotomontage, die nicht der Werbung dient, „ein neues und phantastisches Gebiet für den schöpferischen Menschen. Ein wundersames Neuland, das zu entdecken als erste Voraussetzung hat: Hemmungslosigkeit. Aber nicht Disziplinlosigkeit.“ Ein feiner Unterschied.

Ironische Weltzerlegung

Anders als ihre politisch agitierenden und oft aggressiven Kollegen, anders als Hausmann, Baader und Herzfeld, hat Hannah Höch nicht mit dem Schlachtmesser gearbeitet, eher schon mit der Stickschere. Sie hat die kontrastierenden Fotowelten von Alltäglich und Exotisch, Banal und Heroisch, Männlich und Weiblich nicht im Zusammenschnitt kollidieren lassen, sondern sie wie in einem Puzzle präzise miteinander verschränkt. Nicht denunziatorisches Pathos, sondern ironisch gebrochene Poesie prägt diese zart konturierten Porträts einer Zeit und ihrer Menschen.

In Madrid zum ersten Mal ausgestellt ist das Sammelalbum von Hannah Höch, in das sie, auf dem Hintergrund zweier Hefte der Zeitschrift Die Dame von 1925/26, über 400 Abbildungen aller Arten eingeklebt hatte, sortiert nach Themen wie Sport, Akt, Tanz, Technik, Natur – eine Bildbibliothek. Zur selben Zeit sammelte der Kulturhistoriker Aby Warburg das Fotomaterial für seinen Bilderatlas zur Renaissanceforschung, dem er den Titel MNEMOSYNE gab, „Erinnerung“, und den er mit dem Satz einleitete: „Bewusstes Distanzschaffen zwischen sich und der Außenwelt darf man wohl als Grundakt menschlicher Zivilisation bezeichnen.“ Auch Hannah Höch schaffte sich diese Distanz durch das Prinzip von Collage und Montage. Die Basis aber für die analysierende Kombinatorik des Historikers und die schöpferische Fantasie der Künstlerin war die Fotografie im Zeitalter ihrer rotierenden Vervielfältigung.

Museo de Arte Reina Sofía, Madrid, bis zum 11. April; Katalog spanisch/ englisch 42,– Euro. Das Album von Hannah Höch erscheint im Verlag Hatje Cantz und kostet 58,– Euro

 
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