Taschenbuch Heiterkeit allein beweist noch nichts
In einem der Bücher, die entsetzliche Wahrheiten enthalten, nämlich in von Dirk Hoeges geht es um einen akademischen Streit, nein, besser: um einen Streit unter Akademikern. Diesen lieferten einander, während Hitler vor der Tür stand, Ernst Robert Curtius und Karl Mannheim. In der Kontroverse kam auch ein Professor Rothacker vor. Von ihm, einem Nationalsozialisten der ersten Stunde, heißt es, dass er sich selbst „immerwährende Heiterkeit und Geselligkeit“ attestierte. Der Professor bestimmte Adolf Hitler als Nachfolger Herders, was Hoeges zu dem Kommentar berechtigt: „der Geschichtsphilosoph als Unsinnsproduzent“ – ein Produzent, der dann auch seine Vorstellungen zur Euthanasie geschichtsphilosophisch präzisierte. „Neue Geselligkeiten“, so Hoeges, „nach 1933: an die Seite des schieren Unsinns rückte die Barbarei; hinter der Fassade eitler Heiterkeit rumorte Primitivität, dünkelhaft und aggressiv.“
Das beweist drastisch, dass Heiterkeit allein nichts beweist; sie kann im Dienst für die schlechteste Sache der Welt an den Tag gelegt werden. Noch etwas anderes erinnerte mich an Rothacker: In dem Vorwort von nur einer, jedoch sehr gehaltreichen Seite zur Philosophie der Freude, erschienen bei Reclam Leipzig, zitiert der Herausgeber Detlev Schöttger Walter Benjamin. Benjamin habe darauf aufmerksam gemacht, dass Zuversicht, Mut, Humor, List in den Kämpfen um die bessere Welt einerseits lebendig seien, andererseits aber „in die Ferne der Zeit zurück“ wirkten. Ich denke, Benjamin will damit sagen, dass die Konzentration der Kräfte der Zuversicht in einer Person auch bedeutet, dass diese Person niemals allein ist, sondern – wenn ihr schon niemand hilft, die Gegenwart zu ändern – dass sie wenigstens „in einer Tradition steht“.
Aber gehört nicht Walter Benjamin zu den Menschen, denen man am Ende jede Chance nahm und deren endgültige Traurigkeit ebenso Teil unseres Erbes ist wie Nestroys Witz und Offenbachs Heiterkeit? Jeder, der mehr oder weniger heiter eine Universität betritt, soll wissen, wie bereits lange nach dem Zweiten Weltkrieg, als alles längst vorüber war, ein anerkannter Vertreter der Geisteswissenschaften, nämlich Erich Rothacker, Benjamins in der Vorkriegszeit gescheiterte Habilitation beurteilte, und zwar, so Gershom Scholem, mit dem „ruchlos-frechen Satz“: „Geist kann man nicht habilitieren.“
Das erfüllt mit Traurigkeit, und so sehr jeder Mensch mit Schöttker darin übereinstimmen soll, dass man die „Sensibilität gegenüber den positiven Stimmungen bewahren muss“, so sehr gilt auch, dass die Schattenseite dieses existenziellen Positivismus gleichrangig infrage steht. Manchen passt es, in der Frage von Melancholie und Gesellschaft den Melancholikern von vornherein den reaktionären Part zuzuweisen. Ich bin eher den Heiteren gegenüber reserviert, vorsichtig lese ich Schöttkers Auswahl, seinen Reader zur Freude: Texte von der antiken Heiterkeit bis zu Sloterdijks Plädoyer für die Frechheit, darunter auch nützliche Beiträge über den gesundheitlichen Profit durch Heiterkeit. Schöttker kämpft gegen die Nobilitierung der Melancholie in der Philosophie, nicht zuletzt mit dem Argument, die Heiterkeit würde den tiefsten Ernst nicht ausschließen. Ja, aber die Melancholie schließt in entscheidenden Momenten das Lustigsein auch nicht aus – man gehe ins Theater und sehe ein Stück von Thomas Bernhard (der die Trennungslinie von Komödie und Tragödie, von Melancholie und Freude planmäßig unkenntlich macht).
Schöttkers Reader enthält wichtige Positionen, anhand derer man seine Probleme mit der Heiterkeit diskutieren kann. Wilhelm Schmid zum Beispiel macht den antiken Begriff der Heiterkeit verständlich, von dem man einfach sagen muss, es wäre gut, ginge er in unsere Praxis ein, und zwar als heitere „Skepsis des Selbst, das sich darum bemüht, Distanz zu den Dingen und zu sich selbst zu bewahren: skeptisch gegen die Möglichkeit von Gewissheit, ohne unter der Ungewissheit übermäßig zu leiden; …zweifelnd an der Abschließbarkeit des Wissens, ohne auf die Arbeit des Wissens zu verzichten, die schon seit Demokrit zu den Quellen der Heiterkeit gehört“. Das rennt bei den Philosophen offene Schreibzimmertüren ein, und obwohl ich weiß, dass es um Disziplin geht, die ein jeder selbst aufbringen muss, frage ich, ob der Rest der Welt noch die dazu passenden Charaktere hat. Kann ja sein – kann aber auch sein, dass die Leute von heute zu nervös sind, als dass sich „die Heiterkeit gerade in der Konfrontation mit der Abgründigkeit der Existenz einstellt“.
Detlev Schöttker (Hrsg):Von Freud bis Sloterdijk Reclam Verlag, Leipzig 2003; 233 S., 9,90 €Von Freud bis SloterdijkBelletristikDetlev Schöttker (Hrsg)BuchReclam Verlag2003Leipzig9,90233
- Datum 29.01.2004 - 13:00 Uhr
- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
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