Kunstmarkt Wie alles begann
Paul Durand-Ruel war der Erfinder des Galeriewesens – erst jetzt wird er wieder geehrt
Wenn bei der Impressionisten-Auktion am 2. Februar bei Christie’s in London eine Seinelandschaft von Auguste Renoir und zwei Gemälde von Alfred Sisley im Schätzwert von zusammen rund vier Millionen Euro aufgerufen werden, kann sich das Auktionshaus auf einen der berühmtesten Kunsthändler des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts berufen. Der Franzose Paul Durand-Ruel (1831 bis 1922) gilt als der Prototyp des modernen Galeristen seiner Zeit. Zunächst setzte er die Künstlergruppe der Freiluftmalerschule von Barbizon auf dem Markt durch, dann verschrieb er sich den Impressionisten. Weil diese in Paris zunächst verlacht und verspottet wurden, verschiffte Durand-Ruel 1886 rund 300 Gemälde nach New York und verschaffte Renoir, Monet, Manet, Degas, Seurat, Sisley und vielen anderen Malern sozusagen über Nacht und dank des Umwegs über die Neue Welt den Durchbruch. Schätzungsweise ein Drittel der kompletten Produktion des französischen Impressionismus ist durch seine Galerie gegangen. Von 1891 bis 1922 kaufte und verkaufte er an die 10000 Gemälde und organisierte 200 Ausstellungen für die ihm auch freundschaftlich verbundenen Maler, allen voran Renoir, der Porträts von ihm und seinen fünf Kindern malte.
Die Verdienste Durand-Ruels sind in der Fachwelt wohl bekannt, wenngleich es nur wenige Publikationen gibt. Auch die Erinnerungen Durand-Ruels sind inzwischen nicht einmal mehr antiquarisch aufzutreiben. Vor gut einem Jahr erschien in Frankreich immerhin eine Biografie, allerdings völlig unbebildert. In der Nähe des Arc de Triomphe, in der Avenue de Friedland 39, kann man jedoch im öffentlich zugänglichen Durand-Ruel-Archiv Einblick in die aufblühende Epoche nehmen, die heute als Säule des Kunstmarktes gilt. Wenn am Jahresende die Auktionshäuser die Listen der teuersten Gemälde veröffentlichen, werden diese zumeist von den Werken der Impressionisten angeführt.
Angeregt von den Recherchen des Autors Pierre Assouline für eine Biografie über Durand-Ruel, hat die Ur-Ur-Enkelin des Pioniers des internationalen Kunsthandels und selbst seit zehn Jahren als Galeristin tätige Flavie Mouraux Durand-Ruel einen Diavortrag ausgearbeitet, mit dem sie derzeit auf Tour ist. Ein halbes Jahr lang forschte sie im Familienarchiv, wo sich reiches Bildmaterial auftat, um die Meriten des Händlers anschaulich zu präsentieren. So zeigt sich, dass Durand-Ruel der Erste war, der nicht nur in seiner Galerie freien Eintritt gestattete, sondern auch zu seiner daneben liegenden Privatwohnung, wo Gemälde wie beispielsweise Tanz auf dem Lande und Tanz in der Stadt von Auguste Renoir hingen, die heute vereint im Musée d’Orsay zu sehen sind. Und er erkannte früh, wie wichtig eine gute Lage für eine Galerie ist, in Paris war es die Rue Laffitte in der Nähe der Place Vendôme und in New York die 57ste Straße, damals noch eine reine Wohngegend.
Durand-Ruel zahlte seinen Künstlern Monatsgehälter, damit sie arbeiten konnten und sich nicht um ihre Finanzen kümmern mussten. Er sorgte dafür, dass sie über die Presse bekannt gemacht wurden, teils mit eigenen Magazinen. Er brachte die Kunst mit der Wirtschaft zusammen, baute ein Netzwerk internationaler Galerien auf und erfand nicht zuletzt die Einzelausstellung und das Prinzip der Artothek, indem er Gemälde tageweise für Festivitäten oder zum Kopieren auslieh. Die vielen innovativen Ideen und reiches historisches Bildmaterial hat Flavie Mouraux Durand-Ruel in einer Mischung aus familiärer Begeisterung und untadeliger Sorgfalt in ihren Vorträgen zu einem lebendigen Zeitpanorama komponiert. Zunächst trat sie damit in Paris auf, dann in New York und Genf, kürzlich im Hamburger Warburghaus und in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Termine in Brüssel im April werden derzeit anberaumt, Bremen und andere Stationen sind im Gespräch (www.christies.com). Seit zehn Jahren arbeitet Flavie Moureaux Durand-Ruel bei Christie’s, erst in New York in der zeitgenössischen Abteilung, inzwischen als Direktorin für gehobene Kundenpflege in Paris.
Sie ist nicht die Einzige in der Familie, die dem Kunstgeschäft treu geblieben ist. Zunächst führten die beiden Söhne Joseph und George die Galerie des Gründervaters weiter. In der überübernächsten Generation versuchten Philippe Durand-Ruel und seine Ehefrau Denyse mit den Prinzipien des Urgroßvaters auf ihre Weise zeitgenössischen Künstlern wie Arman, Yves Klein, César und Carl André zum Erfolg zu verhelfen. Ihr Sohn Christophe arbeitet als Spezialist für zeitgenössische Kunst bei Christie’s in Paris, und auch Flavies Schwester Pauline ist im gleichen Auktionshaus tätig: allerdings in der Abteilung für Vintage Cars in Los Angeles.
- Datum 29.01.2004 - 13:00 Uhr
- Serie kunstmarkt
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
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