Roman
Ein prächtiger Außenseiter
In seinem Roman „Landnahme“ lässt Christoph Hein fünf Jahrzehnte deutscher Geschichte wiederauferstehen
Dieser Bernhard Haber ist in der Tat ein Prachtexemplar des literarischen Außenseitertyps. Hätte es ihn in den Siebzigern schon gegeben, er schmückte jede germanistische Doktorarbeit, die damals entstand und den Begriff des Außenseiters im Titel führte. Aber Haber kommt frisch aus der Werkstatt von Christoph Hein, einem der bedeutendsten Schriftsteller der kritischen DDR-Literatur, der im Westen mit seinem Roman bekannt wurde.
Haber ist die Hauptfigur in Heins neuem Roman Landnahme, einem Zeit-, Provinz- und auch DDR-Roman, der sich über beinahe fünf Jahrzehnte streckt. Bernhard Habers Platz ist zunächst am Rand der sächsischen Kleinstadt Guldenberg. Als Zehnjähriger kommt er 1950 mit seinen Eltern aus Breslau. Die Guldenberger legen auf den Zustrom dieser Habenichtse keinen Wert. Das lassen sie die Familie spüren. Sie begegnen den Vertriebenen mit dem Schimpfwort „Polacken“. Sie helfen dem Ressentiment mit Taten nach. Ein Jahr nachdem Bernhards Vater, ein kriegsinvalider Tischler, begonnen hat, sich eine kleine Werkstatt einzurichten, brennt sie ab. Bernhards Hund, „sein einziger und wirklicher Freund“, wird umgebracht.
Das reicht, um ein Kind, einen Jugendlichen bis in die letzte Faser hinein zu kränken und so misstrauisch, verstockt, zäh, aggressiv zu machen, wie Bernhard es ist. Und es reicht, um seinen Willen auf ein einziges Ziel hin zu bündeln: es Guldenberg zu beweisen. Was ihm auch gelingt. Am Ende steht Bernhard Haber auf der Rathaustreppe und dirigiert das Karnevalstreiben; Stadtrat, Villenbesitzer, Unternehmer mit überfliegendem Geschäftserfolg. Die Wende hat ihn reich gemacht, seinen Platz im Establishment Guldenberger Mittelständler, das es offensichtlich auch in der DDR gab, befestigt. Eine Biografie wie aus dem Lehrbuch der Aufsteigersoziologie.
Als literarische Gestalt aber geht Bernhard Haber in diesem Sozialporträt nicht auf. Er überragt es, wie viele Figuren Christoph Heins, um eine existenzielle Spanne, die aus einer Figur ein nicht ganz erklärliches, mit historischen, psychologischen Kategorien allein nicht zu packendes Wesen macht. Die entseelte Ärztin in Heins Erfolgsroman Drachenblut ist ein solches und Haber ebenfalls. So materialistisch, so pragmatisch bis zum schieren Opportunismus er auch daherkommt, seine Vorfahren sind die unheimlichen Fremdgestalten der deutschen Romantik.
Bernhard Haber ist buchstäblich ein Fremdkörper in Guldenberg, das heißt, er ist zunächst vor allem: Körper. Gedrungen, untersetzt, von einschüchternder Kraft. „Wenn er den Ball in Besitz bekommen hatte, wagte keiner, sich ihm in den Weg zu stellen, denn er lief alle um und schnurstracks mit dem Ball bis zum Torkreis, um ihn dann mit einem mächtigen Wurf ins Tor zu donnern.“ Dieser physischen Hochprozentigkeit entspricht eine kommunikative und perzeptive Trübheit. Haber ist einsilbig bis zur Verstummung. Seine Jugendfreundin, die zwei Jahre neben ihm spazieren geht und die Bernhardsche Konversationswüste mit ihrer Plapperei beregnet, wüsste hinterher nicht zu sagen, was Haber außer „ja“, „nein“, „will ich“, „will ich nicht“ je über sich gesagt hätte. Und er ist, zumal wenn es um Schulwissen geht, verlangsamt bis zur Apathie. In seinem Wesen finden sich Merkmale sowohl des Wilden als auch des Apparathaften, die jeweils zum Unheimlichen neigen.
Aber Bernhard Haber, immerhin Hauptfigur, ist im Grunde auch verschlossen gegenüber der Romanerzählung. Denn diese setzt sich aus fünf Einzelerzählungen zusammen, jede betitelt mit einem Namen der von Haber Berichtenden: Thomas Nicolas, Katharina Hollenbach… Fünf Stimmen von Schulgefährten, Geliebten, Bekannten, Geschäftskollegen. Sie berichten von Habers Lebenslauf in biografischen Portionen, die absichtsvoll kein Ganzes ergeben, sich überschneiden und ergänzen oder widersprechen. Die fünf kramen heraus, was sie von Haber wissen – und bestaunen immer wieder ihr Unwissen. Denn vom Gestus her ist Heins neuer Roman zunächst eine Suche von fünf Erzählern nach ihrer Hauptfigur und eine Suche nach einer Antwort auf die Frage: Wer ist der Typ eigentlich? Wie kam er, der bis dahin auch politisch Ungerührte, dazu, sich in jungen Jahren plötzlich und rabiat an einer Enteignungskampagne zu beteiligen, später für gutes Geld einen illegalen Fluchthelferring zu betreiben? Warum heiratete er eine Frau, an der ihn vor allem eine Eigenschaft, ihr fast sklavischer Mädchengehorsam, angezogen haben muss?
Die ästhetisch eigentlich immer elegant wirkende Fähigkeit der Rondokomposition, große Erzählfülle zu kombinieren mit entscheidenden Erzähllücken – Christoph Hein weiß sie vorbildlich zu nutzen. Er bringt mit Typen und Charakteren, mit allem realistisch-historischen Drum und Dran den Kleinstadtkosmos Guldenberg auf die Bühne: die Wirtschaftswunderlicheit der DDR zwischen zentralistischer Steuerung und schelmenhafter Unterwanderung, den Bau einer Brücke, die schöne Episode einer Ballonfahrt übers Land, den Blick unter den Minirock eines vorbeireisenden Fräuleins, das Haber und den Rest der Guldenberger Männer nervös auf dem Odysseusfloß herumrudern lässt.
Und doch behält das personale Zentrum, behält dieser Bernhard Haber inmitten der Fülle an Konkretem die Abstraktheit einer Beckett-Figur. Ja, der Roman lässt die Fantasie zu, es gebe ihn gar nicht richtig. Oder: Es gebe ihn nicht mehr. Denn in der Erzählform steckt die Redeform des Nekrologs, des gedenkenden, herbeirufenden Gesprächs über einen Abwesenden. Da dieser aber, so die Erzählprämisse, noch rege seinen Geschäften nachgeht, steckt in Landnahme in letzter Konsequenz auch ein moderner Gespensterroman. Fünf Chronisten umkreisen ein Mysterium.
Mysteriös? Von kaum einem anderen Begriff scheinen das Prosawerk und die Gestalt Christoph Heins weiter entfernt zu sein. Er hat sich oft und deutlich als „Chronist ohne Botschaft“ charakterisiert. Sein Erzählton ist berichtend, protokollierend. Seine Prosa besitzt die Textur eines protestantischen Rationalismus. Sie leistet sich Metaphern wie der sparsame Esser Fleisch zu den Festtagen. Und sie belastet sich – zumal gegen das Romanende hin – mit einem etwas brechthaften, etwas bühnenmäßigen Dialogschematismus, den die Figuren zu spüren bekommen. Nicht ohne Verrenkung passen einige in die Erörterungen und Gedanken hinein, die der Autor ihnen zuteilt.
Die einzige Obsession, die sich an der Oberfläche dieser Prosa feststellen lässt, gilt der Entfaltung von Gegenstands- und Alltagswelt. Hier liegt eine von Christoph Heins großen Stärken. Wer gelesen hat, wie Willenbrock im gleichnamigen Roman in den Neunzigern einen Gebrauchtwagenhandel betreibt, kann einen solchen aufziehen, denn er hat außer einem Roman einen Schnellkurs für Marktwirtschaft hinter sich. Wer wissen will, wie und warum winterliches Hochwasser und gestaute Eisschollen den Bau der Guldenberger Brücke gefährden und was dagegen zu tun ist, erfährt es auf spannendste Weise in Landnahme.
Dieser Sachlichkeit verdankt Heins Erzählen das Klima der Realitätsvertrautheit und eine bestimmte Ästhetik der Unauffälligkeit. Aber dieser Stil kontrastiert auf gewittrige Weise mit den Realitätsextremen, den Ungeheuerlichkeiten, von denen Heins Geschichten ausgehen oder auf die sie zulaufen: Gewalt und Gewalttaten, Barbareien und Pathologien. Willenbrock wird Zug um Zug in eine Art Bürgerkrieg verwickelt. Der Spieler im Napoleon-Spiel legt aus der Haft heraus dar, weshalb sein Denken und Handeln auf einen Willkürmord hinauslaufen mussten. In Landnahme zünden sich Geschäftskonkurrenten gegenseitig die Betriebe an oder stehen im Verdacht, dies tun zu wollen. Jahre nach dem Tod von Bernhard Habers Vater bestätigt sich, was der Sohn seit je ahnte und was ihn am meisten umtrieb: Sein Vater wurde von Guldenbergern ermordet.
Es gibt in Christoph Heins Literatur ein Urmotiv, auf das er immer wieder zurückkommmt: die unerledigte Kränkung; das Motiv des Traumas also. Es unterströmt bei aller Humoristik jeden Satz, jede Handlungskurve. Und es erzeugt den Sog unheimlicher Erwartung, die in Bernhard Haber, Allegorie durch die Gegenwart geisternder Vergangenheit, Gestalt annimmt: die Erwartung der Retraumatisierung. Heins Geschichten schauen auf Kränkung zurück und dem Schrecken entgegen, ob er eintrifft oder nicht. Sie besitzen ein fast abergläubisches Verhältnis zu diesem Gedanken der Wiederkehr und verdanken ihm ihren pathogenen und ihren mysteriösen Zug.
Haben wir es hier tatsächlich mit einem Zeitroman deutscher Nachkriegs-, DDR- und Wendegeschichte zu tun? Oder mit einer historischen Kunstwelt, die der realen auf faszinierende Weise ähnelt? Beides. Den Kegelclub Guldenberger Mittelständler, „sozusagen der heimliche Unternehmerverband von Guldenberg“, in den Bernhard Haber aufgenommen wird, könnte es im Schwäbischen so gut gegeben haben wie im Sächsischen. Er besitzt alle Attribute des Historischen – und zugleich die Aufladung des Fantastischen. Scharf betrachtet, ist Landnahme eine Hybridzüchtung, ein Uwe-Johnson-Brecht-Gewächs, das Kleist-Blüten hervorbringt. Keine Frage: Im Gewächshaus der Gegenwartsliteratur kommt dieser Mischung hoher Rang zu. Nur gewinnt man den Eindruck, dass sich der Roman gegen die exotischen Anteile seines Wesens wehrt. Dass ihm im Zweifelsfall die politisch korrekte Mitteilung wichtiger ist als das exzessiv überschießende Motiv. Es gibt in Heins neuem Roman eine bestimmte Richtungslosigkeit, die ein solches Prosawerk in den Händen eines weniger dramaturgisch versierten, weniger erzählfähigen, weniger intelligenten Autors zerfallen ließe.
Bei Christoph Hein, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert, sind auch Problem und Widerspruch noch interessant. Er ist als Chronist zu beobachten, der mehr Mysterien umkreist, als ihm womöglich lieb sind.
- Datum
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
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