Roman Ein prächtiger AußenseiterSeite 2/2
Mysteriös? Von kaum einem anderen Begriff scheinen das Prosawerk und die Gestalt Christoph Heins weiter entfernt zu sein. Er hat sich oft und deutlich als „Chronist ohne Botschaft“ charakterisiert. Sein Erzählton ist berichtend, protokollierend. Seine Prosa besitzt die Textur eines protestantischen Rationalismus. Sie leistet sich Metaphern wie der sparsame Esser Fleisch zu den Festtagen. Und sie belastet sich – zumal gegen das Romanende hin – mit einem etwas brechthaften, etwas bühnenmäßigen Dialogschematismus, den die Figuren zu spüren bekommen. Nicht ohne Verrenkung passen einige in die Erörterungen und Gedanken hinein, die der Autor ihnen zuteilt.
Die einzige Obsession, die sich an der Oberfläche dieser Prosa feststellen lässt, gilt der Entfaltung von Gegenstands- und Alltagswelt. Hier liegt eine von Christoph Heins großen Stärken. Wer gelesen hat, wie Willenbrock im gleichnamigen Roman in den Neunzigern einen Gebrauchtwagenhandel betreibt, kann einen solchen aufziehen, denn er hat außer einem Roman einen Schnellkurs für Marktwirtschaft hinter sich. Wer wissen will, wie und warum winterliches Hochwasser und gestaute Eisschollen den Bau der Guldenberger Brücke gefährden und was dagegen zu tun ist, erfährt es auf spannendste Weise in Landnahme.
Dieser Sachlichkeit verdankt Heins Erzählen das Klima der Realitätsvertrautheit und eine bestimmte Ästhetik der Unauffälligkeit. Aber dieser Stil kontrastiert auf gewittrige Weise mit den Realitätsextremen, den Ungeheuerlichkeiten, von denen Heins Geschichten ausgehen oder auf die sie zulaufen: Gewalt und Gewalttaten, Barbareien und Pathologien. Willenbrock wird Zug um Zug in eine Art Bürgerkrieg verwickelt. Der Spieler im Napoleon-Spiel legt aus der Haft heraus dar, weshalb sein Denken und Handeln auf einen Willkürmord hinauslaufen mussten. In Landnahme zünden sich Geschäftskonkurrenten gegenseitig die Betriebe an oder stehen im Verdacht, dies tun zu wollen. Jahre nach dem Tod von Bernhard Habers Vater bestätigt sich, was der Sohn seit je ahnte und was ihn am meisten umtrieb: Sein Vater wurde von Guldenbergern ermordet.
Es gibt in Christoph Heins Literatur ein Urmotiv, auf das er immer wieder zurückkommmt: die unerledigte Kränkung; das Motiv des Traumas also. Es unterströmt bei aller Humoristik jeden Satz, jede Handlungskurve. Und es erzeugt den Sog unheimlicher Erwartung, die in Bernhard Haber, Allegorie durch die Gegenwart geisternder Vergangenheit, Gestalt annimmt: die Erwartung der Retraumatisierung. Heins Geschichten schauen auf Kränkung zurück und dem Schrecken entgegen, ob er eintrifft oder nicht. Sie besitzen ein fast abergläubisches Verhältnis zu diesem Gedanken der Wiederkehr und verdanken ihm ihren pathogenen und ihren mysteriösen Zug.
Haben wir es hier tatsächlich mit einem Zeitroman deutscher Nachkriegs-, DDR- und Wendegeschichte zu tun? Oder mit einer historischen Kunstwelt, die der realen auf faszinierende Weise ähnelt? Beides. Den Kegelclub Guldenberger Mittelständler, „sozusagen der heimliche Unternehmerverband von Guldenberg“, in den Bernhard Haber aufgenommen wird, könnte es im Schwäbischen so gut gegeben haben wie im Sächsischen. Er besitzt alle Attribute des Historischen – und zugleich die Aufladung des Fantastischen. Scharf betrachtet, ist Landnahme eine Hybridzüchtung, ein Uwe-Johnson-Brecht-Gewächs, das Kleist-Blüten hervorbringt. Keine Frage: Im Gewächshaus der Gegenwartsliteratur kommt dieser Mischung hoher Rang zu. Nur gewinnt man den Eindruck, dass sich der Roman gegen die exotischen Anteile seines Wesens wehrt. Dass ihm im Zweifelsfall die politisch korrekte Mitteilung wichtiger ist als das exzessiv überschießende Motiv. Es gibt in Heins neuem Roman eine bestimmte Richtungslosigkeit, die ein solches Prosawerk in den Händen eines weniger dramaturgisch versierten, weniger erzählfähigen, weniger intelligenten Autors zerfallen ließe.
Bei Christoph Hein, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert, sind auch Problem und Widerspruch noch interessant. Er ist als Chronist zu beobachten, der mehr Mysterien umkreist, als ihm womöglich lieb sind.
- Datum 29.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
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