Philosophische Hilfestellungen (135. Folge): Der Ethikrat
Diesmal für: Pausenverlängerer
So wahr ein Fußballspiel 90 Minuten dauert, währt die Halbzeitpause deren 15. Der Deutsche Fußballbund hat nun beim Weltverband eine Pausenverlängerung auf 20 Minuten beantragt. Der Ethikrat empfiehlt eine Denkpause.
Zu denken, wer wollte es bestreiten, ist eine heikle Angelegenheit mit potenziell verheerenden Auswirkungen. Nirgendwo wird diese Einsicht augenfälliger als im Fußball, wo sich seit mehr als hundert Jahren die Regel bestätigt: Wer denkt, verliert. Eine Devise, die seither nicht nur Spielern, sondern auch Funktionären einen schützenden Rahmen vorgibt. In der Winterpause jedoch, wenn das Spiel ruht, kommt es regelmäßig zu nachhaltigen Verstößen gegen dieses Grundgesetz. Gerade die Bundesligaoffiziellen werden von der verfügbaren Zeit zu seltsamsten Grillen angeregt. So beantragte der DFB kürzlich eine Verlängerung der Halbzeitpause um satte fünf Minuten. Angesichts solcher Innovationsgelüste fühlt sich der Ethikrat berufen, dem Verhältnis des Fußballspiels zu seiner Halbzeitpause nachzugehen.
Auch wenn es der Sprachspieler Ludwig Wittgenstein nicht wahrhaben wollte, so gibt es doch eine Eigenschaft, die sämtliche uns bekannten Spiele gemeinsam haben. Spiele kennen Pausen oder, allgemeiner gesprochen, aktionsfreie Phasen. Die Pause ist kein Nebenaspekt des Geschehens, sondern konstitutiver Teil jeden Spiels. Wer, wie der DFB, Art und Dauer der Pause verändern will, greift deshalb tief in das Wesen des Spiels selbst ein. Bei näherer Betrachtung erscheint das Verhältnis des Spiels zu seiner Pause gar als Spielart des ontologischen Urkontrastes zwischen Aktion und Nichtaktion, zwischen »etwas« und »nichts«. Die Seinsweise des Spiels führt damit auf das Wesen des Seins. Im Fußball ist diese Ahnung, die jeder wahre Fan im Herzen trägt, sprachlich bestens aufgehoben, pflegen dort gerade die erregendsten Tore »wie aus dem Nichts« zu fallen. Wer das Nichts, die Pause und ihre gespannte Erwartung nicht zu ehren und zu ertragen weiß, entlarvt sich deswegen als Spielverderber.
Solche Spielverderberei ist in der heutigen Stadionkultur bedauerlicher Normalzustand. Unter dem neudeutschen Begriff »Event« wird dort jede noch so kleine Unterbrechung, ja selbst die Ruhe nach dem Jubelsturm mit eingespieltem Stampfgedudel und allerlei lukrativem Nebenlärm überbrückt, gefüllt, gelöscht. Allein die derzeitige Form der Pausengestaltung rechtfertigt also tiefe Skepsis gegenüber einer Halbzeitverlängerung.
Wie auch die Scheinheiligkeit der offiziellen Argumentführung befremdet. Sollte es bei der Initiative tatsächlich, wie vom DFB angegeben, um die Interessen gehetzter Bier- und Bratwurstkonsumenten gehen, so wären diese durch eine sorgsame Stadionplanung wirksam zu wahren gewesen. Worum es den Oberen eigentlich geht, ist die Streckung der Fernsehwerbezeit. In Zeiten existenzbedrohender Kassenlagen ist an dieser Motivation nichts auszusetzen.
Wie sich der Ethikrat überhaupt vor der Borniertheit des Regelkonservativen hüten muss, haben fernsehgesteuerte Regeländerungen in den letzten Jahren doch zu klaren Spielverbesserungen geführt. Die Modifikation der Abseits- und der Rückpassregel zielten allerdings bewusst auf eine Beschleunigung, Intensivierung und Öffnung des Spielgeschehens ab und führten damit bei allen Beteiligten zu einer spürbaren Verknappung der verfügbaren Bedenkzeit. In diesem Sinne scheint der neuerliche Vorschlag des DFB genau in die falsche Richtung zu weisen. Eine Pausendehnung führte nicht zuletzt zu mehr Grübelzeit, somit zu weiteren offiziellen Einfällen und damit in letzter Konsequenz zu noch mehr ruhestörender, spielzersetzender Eventwerdung. Ein Fan, der denkt, kann das nicht wollen.







