lebensmittel Wespentaille dank Rinderhüften

Die erfolgreichste Lebensmittelfirma der USA heißt Atkins. Der Firmengründer propagierte die Diätformel „Steak statt Brot, Sahne statt Obst“

Im Peter Luger-Steakhouse fragen nur Neulinge nach einer Speisekarte. Stammgäste wissen, dass man in der berühmten Brooklyner Gaststätte eines von zwei Gerichten bestellt: ein riesiges Steak oder einen riesigen Hamburger. Trotzdem freut sich Mitarbeiterin Dorothy Casey über die große Zahl neuer Gäste. Sogar mittags kann die Wartezeit jetzt eine Stunde betragen. Fleisch ist schließlich gut für die schlanke Linie, weiß Dorothy. „Vor ein paar Jahren habe ich mich auf die Atkins-Diät gesetzt“, erzählt sie. „Ich bin von Kleidergröße 18 auf Kleidergröße 10 geschrumpft und habe mich großartig gefühlt!“

Die Atkins-Diät? Die Rede ist vom New Yorker Kardiologen Robert C. Atkins, der Ende der sechziger Jahre ein eigenartiges Rezept für fettleibige Patienten entwickelte. Sie sollten auf Brot und Obstsaft verzichten und dafür nach Herzenslust Steaks, Eier, Butter und Sahne verzehren. „Wespentaillen dank Rinderhüften“, spotteten Ärzte – doch vor zwei Jahren hat sich das geändert. In den USA und auch in Großbritannien haben die Atkins-Regeln begonnen, die Lebensmittelbranche durcheinander zu schütteln.

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„Das könnte die Ernährungsgewohnheiten von 25 bis 50 Millionen Amerikanern umstoßen“, sagt John McMillin, der Nahrungsmittelanalyst des New Yorker Brokerhauses Prudential. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass sich bereits fünf Millionen Amerikaner nach den Lehren des inzwischen verstorbenen Doktors ernähren; andere schätzen, dass gar die Hälfte der erwachsenen US-Bevölkerung zumindest schon einmal von Atkins gehört hat, seither häufiger ein Steak brät und den Brotkorb stehen lässt.

Einen ähnlich grundlegenden Paradigmenwechsel hatte Amerika zuletzt 1988 erlebt, als Fett und rotes Fleisch vom Washingtoner Gesundheitsamt zu Übeln der Nation ausgerufen wurden. Seither ist der Markt mit fettarmen und Light-Produkten überschwemmt. Doch schlanker sind die Amerikaner deswegen nicht geworden: Mehr als 70 Millionen gelten als übergewichtig – Tendenz steigend. Krankheiten wie Diabetes und dadurch bedingte Todesfälle häufen sich. „Kürzlich hatte ich eine Patientin, die nicht mal mehr in unsere Röntgengeräte passte“, erzählt Shirly Daniel, eine Internistin am Presbyterian Hospital in New York. „Die haben wir in den Zoo in der Bronx geschafft, wo sie sonst Elefanten röntgen.“ Die Bush-Regierung hat das Problem zum nationalen Notstand erklärt, predigt Mäßigung, Sport und „ausgewogene Ernährung“.

Kaum jemand hatte allerdings damit gerechnet, dass ausgerechnet Doktor Atkins zum Helden der Volksgesundheit aufsteigen würde. „Das ist sehr schnell und alles auf einmal passiert“, sagt Daisy Whitney, Redakteurin des im Sommer gestarteten Newsletters LowCarbiz. Geschichten von Leuten wie Dorothy Casey sprechen sich herum. Zehn, zwanzig, dreißig Kilo Verlust in wenigen Monaten sind keine Seltenheit, die Bücher von Atkins und etlichen Nachahmern rangieren auf den ersten Rängen der Bestsellerlisten. Eine Reihe medizinischer Studien kam in den vergangenen Jahren zu dem Schluss, dass der tiefe Griff in die Fleischtöpfe gar nicht so ungesund ist wie gedacht.

Vor allem aber sind ein paar Manager der Lebensmittelbranche aufgewacht und tun nun das, was sie am besten beherrschen. Sie starten aggressive Kampagnen, um den Verkauf von Nahrung ohne Kohlenhydrate anzukurbeln: Sie halte länger vor, bereite Hungerschüben ein Ende und lehre den Körper, Fett zu verbrennen. So werde man beim Essen immer schlanker.

Der 2,4-Milliarden-Dollar-Markt

„Die Welle hat materielle Auswirkungen auf viele Lebensmittelkategorien“, sagt Analyst McMillin. Etliche Lebensmittelfirmen hat er daher neu bewertet. „Deutlich“ bergauf sei es mit Fleisch, Erdnüssen, Eiern und Mayonnaise gegangen – Preise und Aktienkurse schnellten nach oben. Die Hersteller von Nudeln, Chips und Brot hingegen berufen Krisenkonferenzen ein. Es geht ums große Geld: Die amerikanische Nahrungsmittelindustrie ist ein 440-Milliarden-Dollar-Geschäft, Restaurants ausgenommen.

Der Markt für „Low Carb“-Food dürfte derzeit ein Volumen von 2,4 Milliarden Dollar haben. Analysten schätzen, dass er sich in den kommenden Jahren verzehnfachen könne. Davon profitiert eine Reihe von bislang winzigen Unternehmen wie die vom Meister gegründete Atkins Nutritionals, aber auch Keto oder Sunset. Sie entwickeln Ersatzprodukte für all die Keksriegel, Frühstücksflocken, Bagel und Kartoffeln, die der strenge Doktor Atkins verboten hat. „Wir haben etwa 150 verschiedene Produkte auf dem Markt und machen exzellente Gewinne“, sagt Atkins-Sprecherin Colette Heimowitz – kein Wunder bei Preisen von sechs Dollar für eine Packung Soja-Cornflakes. Genaue Zahlen veröffentlicht das verschwiegene Unternehmen aus Long Island nicht, doch Analysten und Konkurrenten schätzen den Jahresumsatz inklusive Vitaminkapseln und Büchern (Atkins fürs Leben) schon heute auf 200 Millionen Dollar. Erst im vergangenen Jahr erwarben Goldman Sachs und eine Bostoner Kapitalgesellschaft für 600 bis 800 Millionen Dollar eine Mehrheitsbeteiligung am Unternehmen, nannten es „das erfolgreichste Lebensmittelunternehmen heutzutage“ und spekulierten über einen Börsengang.

„Lange werden die fantastischen Margen natürlich nicht bleiben“, sagt Saif Mansour vom Atkins-Konkurrenten Sunset aus Los Angeles. „Doch der Markt steht vor einer derartigen Explosion, dass in den kommenden Jahren noch für alle Teilnehmer hervorragende Gewinne bleiben.“ Sunsets Lebensmittelchemiker entwickeln zurzeit eine „komplette Palette von Produkten mit wenigen Kohlenhydraten“. Mitbewerber Keto hat in den vergangenen Jahren bis zu 300 prozentige Umsatzsteigerungen erlebt.

Auch die ersten Großen der Lebensmittelbranche steigen in das Geschäft ein. Pepsi bringt Atkins-freundliche Chips heraus, Schnellrestaurants von T.G.I. Friday und die Sandwich-Kette Subway präsentieren Atkins-freundliche Menüs. Die Supermarktkette Wal-Mart arbeitet angeblich an einer eigenen „Low Carb“-Hausmarke. Auch McDonald’s, Kentucky Fried Chicken, die Brauerei Anheuser-Busch und der Ketchup-Hersteller Heinz sind mit Angeboten auf dem Markt. Eingebrochen sind dagegen die Verkäufe der bisher bekanntesten amerikanischen Diätprodukte von Slim Fast: Die Shakes und Riegel der Firma enthalten viel Zucker – ein Tabu für Atkins-Karnivoren.

Was aber, wenn die Atkins-Diät – wie bislang alle Diäten – aus der Mode kommt, die Amerikaner zu Fast Food zurückkehren oder den nächsten Gesundheitstrend entdecken? „Um die Geschäfte von Peter Luger mache ich mir keine Sorgen“, sagt Steakhouse-Mitarbeiterin Dorothy. „Die Leute kommen hier nicht wegen einer Diätmasche hin – sondern weil wir die besten Steaks von New York braten!“

 
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