Geschlechter Ehret die Männer

Denn aus der Mottenkiste ihrer verflossenen Moden entsteigt die neue Frau: Noch immer domestiziert, aber ohne es zu wissen

Fellinis Film endet mit einer grandiosen Geste der männlichen Macht. Auf schweren Motorrädern braust eine Horde junger Männer durch die nächtliche Stadt. Im Scheinwerferlicht ihrer Maschinen verwandelt sich die Szenerie, die am Tag zuvor Stadtfeste, Liebesszenen, Kunstbegeisterung sah, in eine Kulisse aus Postkartenmotiven; nichts anderes sagt die wilde Jagd als: Uns gehört die Ewige Stadt.

Inzwischen knattern auch über die bundesrepublikanischen Straßen immer mehr und immer schwerere Motorräder und beunruhigen die Autofahrer; in warmen Sommernächten lässt ihr Lärm die Mädchenherzen höher schlagen. Scharenweise rasen Jünglinge den Albtrauf hinauf, während gleichzeitig kühne Segelflieger von dort in den blauen Himmel starten und todesmutige Fallschirmspringer in die Tiefe springen.

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Die Männer haben solchen Todesmut nötig, denn sie sind auf der Flucht vor den Frauen. Diese kutschieren inzwischen die gleichen Autos wie sie, diese haben einen Job wie sie, diese trinken Whisky wie sie und treiben Sport wie sie. Wo die Geschlechterdifferenz verschwimmt, braucht es neue Zeichen, um die männliche Überlegenheit neu zu akzentuieren. Die Männer suchen deshalb vor allem nach Gesten, die ihnen Frauen nicht wieder nachmachen können. Das Motorrad ist für eine Frau ein Ding der Unmöglichkeit. Eine Honda Goldwing wiegt mehr als 300 Kilo. Eine Frau ist nicht in der Lage, sie auch nur zu halten, geschweige denn, sie sicher zu lenken. Als Motorradbraut hat sie endlich wieder die Position, die ihr seit Jahrtausenden zusteht: Im Huckepack des Mannes verschafft ihre kesse Rückenansicht dem hinterherfahrenden Mercedes-Opa ein paar letzte Frühlingsgefühle.

Wohin man blickt, auf den Straßen der Stadt, den Straßen über Land, den Sportplätzen setzen die neuen Männer auf Schnelligkeit, Schnödigkeit, Kraft. Wenn die Frauen die Fitness-Studios stürmen, betreiben dort die Männer eben Bodybuilding; sie haben sich den Extremsport ausgedacht, den Extremurlaub – zwölf Naturapostel, alles freilich Männer, erstürmen die Hochgebirge Nepals –, nur um die Frauen hinter sich zu lassen. Wenn sie abgestiegen sind aus diesen Höhen, beginnen die geistigen Spitzenleistungen. Unter den neuen Kommunikationsmitteln haben Männer sich den Computer als Spielzeug vorbehalten, den Schwatzbasen das Handy überlassen. Während die Knaben auf dem Bildschirm Ritterschlachten schlagen, tippen die Mädchen in der S-Bahn sehnsüchtig mit zarten Fingerchen SMS-Grüße an den Besieger ihres Herzens.

Auch in der Stadt sorgen die Männer für die Provokation des guten Willens der Frauen, ihnen nachzukommen. Aus der modischen Schludrigkeit, mit der Jünglinge durch die Straßen trollen, ragt immer häufiger der glatt rasierte Schädel hervor, den einstmals Berliner Kneipenwirte als Zeichen ihrer Intellektualität führten, der aber inzwischen von Männern aller Stände getragen wird. Eine Frau muss viele zusätzliche Reize haben oder einen Freund, der sie in ihrem Mut stützt, bis sie sich zu solcher Rasur entscheidet.

Befinden sich nun also die Männer auf der Flucht oder auf dem Vormarsch? Retten sie den Schein von Männlichkeit durch Angeberei, oder begleitet das Potenzgehabe eine gesellschaftliche Tendenz, die die Frauen aus der Öffentlichkeit hinaus- und ins private Glück zurückdrängt? Kurz: Ist die Emanzipation gewonnen, oder geht sie gerade wieder verloren?

Unzweifelhaft werden die gesetzlichen Rechte der Frauen täglich ausgebaut: Die Quotenregelung, zunächst nur eine Praktik bei der Besetzung von Stellen an der Universität, ist nun auch in öffentlichen Ämtern, in der Politik eine Selbstverständlichkeit. Angesichts solcher Erfolge ist das feministische Wehgeschrei verstummt, die Frauen bereiteten sich auf die Posten vor, die ihnen offen gehalten werden – und dennoch weiß jede und weiß jeder, dass es weite Bereiche der Öffentlichkeit und Ökonomie gibt, wo die Eintrittspforte für sie schier unpassierbar ist, das oberste Management etwa oder die Börse.

Kaum eine Frau aber bedenkt, dass die Berufe, zu denen man ihr den Zugang erleichtert hat, fast ausschließlich solche sind, die an gesellschaftlicher Achtung eingebüßt haben und aus denen sich die Männer deshalb zurückziehen. Der Volksschullehrer war einmal in seiner Gemeinde eine Autorität; als die aufblühende Ökonomie mehr Kühnheit verlangte und mehr Gewinn versprach, wurde die schöne Aufgabe den Frauen überlassen. Bald stiegen sie zu Gymnasiallehrerinnen auf, weil der Lehrerberuf überhaupt an Achtung verlor; nun, da viele Universitäten darüber nachdenken, ob sie nicht die Geisteswissenschaften abschaffen sollten, und das Ansehen dieser Fächer schwindet, können Frauen sogar Professorinnen werden.

Seit kurzem studieren mehr Frauen als Männer. Diese besuchen lieber Ausbildungseinrichtungen großer Unternehmen oder Fachhochschulen, die ein bestimmtes Berufsziel avisieren und gewährleisten, dass man es schnell erreicht. Die Mädchen hingegen bilden sich an den Universitäten und wissen nicht, wofür. Frauen besitzen ein untrügliches Gespür dafür, Fächer ausfindig zu machen, deren Berufschancen gering sind.

Nicht nur im Beruf, auch im Alltag übernehmen Frauen das, was die Männer nicht mehr mögen. Seitdem es schick für Männer ist, auch wochentags im dress-down durch die Straßen zu schlurfen – die Hässlichkeit des bundesrepublikanischen Straßenbildes geht vor allem auf ihre Kosten –, ist die beliebteste Kleidung der Frauen der Hosenanzug, ein Ableger des Herrenanzugs. Wenn die Männer begriffen haben, wie ungesund Rauchen ist, springen die Frauen ein, um die Tabakindustrie zu retten. Die emanzipierte Frau entsteigt der Mottenkiste des Mannes.

Auch die Ehe ist inzwischen zu einem Leistungssport geworden, in dem Männer zeigen, dass sie mehr können als Frauen. Die junge Frau ist für Männer in Führungspositionen ein medienwirksames Signal ihrer unversieglichen Schaffenskraft. Professoren, Politiker, Spitzenmanager treten mit der dritten, vierten Frau vor die Kamera. Die anderen jungen Frauen, Zuschauerinnen dieses Glücks, vermeinen hier eine Chance für sich im Kampf um den erfolgreichen Liebhaber erkennen zu können; an der männlichen Strategie der Vergnügung sehen sie nichts als die Befreiung aus bürgerlichen Konventionen. Verzeihlich mag es sein, dass sie keinen Gedanken an die älteren Ehefrauen verschwenden, die verlassen wurden, verständlich ist jedoch kaum die Naivität, die übersieht, dass die männliche Emanzipation der Sinnenlust die Frauen zu erotischen Objekten von geringerer Haltbarkeit herabsetzt.

Die Medien tun alles, um den Ruhm der männlichen Eroberer zu fördern und ihn zugleich so harmlos wie möglich erscheinen zu lassen. Sie treiben ein paar Frauen mit jungen Liebhabern auf, die in Talkshows ihr Herz ausschütten, und beweisen mit diesen Darbietungen nur die Rarität der Exemplare. Wer kennte solche unter seinen Bekannten? Wo fände sich die Frau, die mit fünfzig Jahren ihren dritten, ihren vierten Mann heiratet, wo die überreife Politikerin, die ihren aufblühenden Liebhaber vor die Fernsehkamera brächte?

Das Einverständnis der Frauen mit den heiratslustigen Alten beweist einen bedenklichen Verfall des weiblichen Reflexionsniveaus. In den sechziger Jahren hätte man den Pascha erkannt, der seine Macht genießt. Unter dem Schein der erotischen Befreiung, einem Programm der Achtundsechziger, entscheiden nun die Männer das Treiben auf dem Liebesmarkt zu ihren Gunsten. Die Achtundsechziger-Frauen, selbst alt geworden, schweigen, um dem Vorwurf des Neides zu entgehen.

Sein Gegenbild erscheint dem heiratslustigen Bonvivant in der Reklame: der junge Mann mit dem Baby auf dem Arm. Er wirbt für Windeln so gut wie für Mineralwasser und gibt den Frauen das Vertrauen, dass Männer nichts lieber sind als treue Familienväter. Das Kleinkind ist der neueste Verführer auf Werbeplakaten. Es verlockt alle, die Eltern werden wollen und alle, die um ihre Renten fürchten. Es spricht so unmittelbar das Herz an wie ein schöner Busen und trägt doch nicht den Protest verstimmter Suffragetten ein. Ihre Empfindlichkeit wird geschont – ihr Erfolg allerdings zugleich zunichte gemacht! Unübersehbar lockt der Kinderblick die Frauen zurück ins Haus. Mit Vergünstigungen hilft ihnen der Staat, die Doppelung von Beruf und Mutterglück zu balancieren, und bringt sie auf dem Arbeitsmarkt, gerade wenn er so kritisch ist wie eben jetzt, ins Hintertreffen.

Die beiden Rollen, die den Frauen heute vorgeführt werden, die der Ehefrau an der Seite eines erfolgreichen Mannes und die der glücklichen Mutter, rufen sie ins Haus zurück. Das Problem der Arbeitslosigkeit wäre zu lösen, wenn sie bereit wären, diesem Ideal zu folgen. Warum also sollten die Inszenierungen der Männlichkeit nicht insgeheim diesen Zweck verfolgen? Ökonomische Krisen treffen die Schwächeren zuerst. Dass die Männer immer noch wollen, dass sie die Stärkeren sind, beweisen sie auf dem Motorrad, auf dem Heiratsmarkt und im trauten Heim.

Hannelore Schlaffer ist Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Freiburg

 
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