Raumfahrt Die Suche nach Oasen im All

Es gibt auch Leben jenseits des Planeten Erde. Ein Gespräch mit Gerda Horneck, Exobiologin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt

DIE ZEIT: „Wo Wasser fließt, dort ist auch Leben“, verkündet eine Web-Seite des Bundesforschungsministeriums. Die europäische Sonde Mars Express hat jetzt bestätigt, dass es in den Polregionen des Roten Planeten große Wasservorkommen gibt. Heißt das, dass wir bald Lebewesen auf dem Mars entdecken werden?

Gerda Horneck: Wir kennen ja im Augenblick nur das Leben hier auf der Erde. Deshalb nehmen wir einfach an, dass die Grundvoraussetzungen für terrestrisches Leben auch anderswo gelten. Und da hat sich die Forschung zu drei Bedingungen durchgerungen: Leben benötigt erstens eine auf Kohlenstoff basierende Chemie, zweitens eine Energiequelle und drittens Wasser in flüssiger Form. Deshalb bestimmt man auch die „habitablen Zonen“ um andere Sterne herum, indem man nach Regionen sucht, wo flüssiges Wasser längere Zeit vorhanden war. Wasser ist aber nur eine notwendige Voraussetzung, keine hinreichende.

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ZEIT: Wie können wir überhaupt etwas über außerirdisches Leben sagen, wenn wir bisher nur genau einen Fall – den Planeten Erde – kennen?

Horneck: Die Möglichkeit, dass einfache Mikroorganismen auf einem Planeten entstehen, ist relativ groß. Auf der Erde tauchte das Leben schon sehr bald auf, nachdem sich die Erdkruste gebildet hatte – im Moment streitet man noch, ob es vor 3,8 oder vor 3,2 Milliarden Jahren entstanden ist. Und diese Mikroorganismen haben es seitdem gut auf der Erde ausgehalten, es gibt sie immer noch. Die komplexen organischen Moleküle, die eine Voraussetzung für das Leben sind, finden wir auch überall im Weltall: im interstellaren Medium, in den äußeren Bezirken von Sonnensystemen, in Kometen, in den Planetenatmosphären. Wenn dazu noch die beiden anderen genannten Bedingungen kommen, dann entsteht nach unserer Überzeugung auch Leben. Ob daraus dann auch intelligente Lebensformen entstehen, ist natürlich eine ganz andere Frage.

ZEIT: Aber der Übergang von der unbelebten zur belebten Materie ist noch nirgends beobachtet worden.

Horneck: Deswegen untersuchen wir auch die Frage, ob das Leben von einem Planeten zum anderen transportiert werden kann. Und es sieht so aus, dass das durch Meteoriten innerhalb eines Sonnensystems möglich ist.

ZEIT: Welche Experimente machen Exobiologen?

Horneck: Am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln beschäftigen wir uns hauptsächlich damit, wie die kosmische und die solare Strahlung auf Mikroorganismen wirken. Wir fragen zum Beispiel: Können Bakteriensporen eine Reise von der Erde zum Mars überleben? Da haben wir schon seit den Apollo-Missionen Experimente innerhalb und außerhalb von Raumkapseln gemacht und festgestellt, dass das tatsächlich geht. Dann haben wir begonnen, uns für das Strahlenklima auf dem Mars zu interessieren. Dazu untersuchen wir jetzt in Mars-Simulationsanlagen die Wirkung der Strahlung auf Mikroorganismen. Und um herauszufinden, wie die Strahlen auf den Menschen wirken, wird nächste Woche eine „Matroshka“, eine menschliche Phantompuppe, zur Raumstation fliegen und außen an dem russischen Segment festgemacht werden.

ZEIT: Wo müsste man auf dem Mars nach Spuren von lebenden oder fossilen Organismen suchen?

Horneck: Nach Fossilien würde ich da suchen, wo ich auch auf der Erde suchen würde, in Sedimentgesteinen, in ausgetrockneten Flussbetten und auf dem Boden von Kratern. Da muss man nicht einmal tief graben. Wenn Sie aber wissen wollen, ob das Leben noch in irgendeiner Form existiert, dann müssen Sie nach so genannten Oasen suchen, weil auf der Oberfläche des Mars die aggressive UV-Strahlung Lebensprozesse, so wie wir sie kennen, unmöglich macht. Wir suchen also nach unterirdischen Regionen, die Wasser in flüssiger Form enthalten. Wie tief man da bohren muss, weiß ich nicht – das sollen ja der Mars Express mit seinem Radar herausfinden. Aber es kann sein, dass man Hunderte von Metern bis zu mehrere Kilometer tief gehen müsste.

ZEIT: Was ist mit den Polkappen, an denen Mars Express nun große Mengen Eis nachgewiesen hat?

Horneck: Da ist es zwar sehr kalt, aber es gibt auch Jahreszeiten, in denen das Eis verdampft und unterirdisch vielleicht schmilzt. Auf der Erde haben wir ähnliche Gebiete in den Permafrost-Regionen in Sibirien, in der Arktis und in der Antarktis, wo man auch in großer Tiefe Mikroorganismen gefunden hat. Wir wissen, dass auf dem Mars bis vor kurzem Vulkane aktiv waren. Da muss im Inneren noch Wärme vorhanden sein, und das könnte zu interessanten Biosphären führen, wie wir sie bei uns auf dem Boden der Ozeane finden.

ZEIT: Solche Bohrungen – können die noch von unbemannten Missionen durchgeführt werden?

Horneck: Nein. Ich denke, dass wir uns mit den robotischen Missionen in die ersten zwei, drei Meter hineinarbeiten werden – der verschollene Esa-Roboter Beagle 2 sollte damit ja schon beginnen. Die Esa plant die Mission Exomars für 2009, die soll auch einen Bohrer an Bord haben, und diesmal wird man ja wohl auch mehr Energie in die Entwicklung des Landegeräts stecken. Ich denke, dass man für wirklich tiefe Bohrungen von 100 Metern oder mehr den Menschen braucht – nicht als Weltraumhelden, sondern als Geologen und Forscher, der dort oben in einem Labor die Analysen durchführt. Ich denke, das könnte noch in diesem Jahrhundert Realität werden.

ZEIT: Sie sind Exobiologin – aber ob es den Gegenstand wirklich gibt, mit dem Sie sich beschäftigen, ist noch nicht klar. Fühlen Sie sich da nicht manchmal wie die Kryptozoologen, die dem Yeti auf der Spur sind?

Horneck: Von der Ausbildung her bin ich Mikrobiologin, und wir machen 90 Prozent unserer Untersuchungen hier auf der Erde an Lebewesen, die in extremen Umgebungen vorkommen. Die Exobiologie, die sich neuerdings auch Astrobiologie nennt, befasst sich nicht nur mit dem Leben außerhalb der Erde. Man will verstehen, wie Leben auf einem Planeten im Rahmen der kosmischen Evolution entsteht – und da ist die Erde mit drin.

ZEIT: Kann es passieren, dass wir durch Unachtsamkeit den Mars mit irdischen Mikroben infizieren? Oder gar umgekehrt?

Horneck: Ich bin Mitglied der Planetary Protection Working Group der Esa und habe auch an allen entsprechenden Workshops der Nasa teilgenommen. Es gibt seit 1967 einen internationalen Vertrag der Vereinten Nationen, in dem alle Raumfahrt betreibenden Nationen sich darauf geeinigt haben, die Planeten nicht zu kontaminieren. Danach sind Richtlinien für jede Art von Mission erarbeitet worden, und die verlangen zum Beispiel von einem Mars-Landegerät, dass es sehr sauber sein muss. Und wenn man in Regionen kommt, wo eventuell noch Leben existieren könnte, dann muss es praktisch komplett sterilisiert sein.

ZEIT: So sorgfältig war man bei früheren Mars-Missionen aber nicht immer, oder?

Horneck: Ich glaube, dass schon einige Bacillus subtilis- Sporen dort oben sitzen.

Die Fragen stellte Christoph Drösser

 
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