Wochenlang trommelt der Regen auf die Zelte. Es ist kalt im Juli 2000. Wir haben das Basislager auf der Diamir-, der Westflanke des Bergs, aufgeschlagen, auf 4200 Meter Höhe. Reinhold Messner, 55 Jahre alt, will noch einmal einen Achttausender versuchen. Er hat den Nanga Parbat gewählt, seinen "Schicksalsberg", wo 1970 sein Bruder Günther starb und er selbst nur mit knapper Not und schweren Erfrierungen überlebte.

Messner plant, auf den Spuren Albert Frederick Mummerys zum Gipfel zu steigen. Der Engländer war 1895 in einem Gletschertal des Nanga Parbat verschollen. Seine Leiche wurde nie gefunden. Messners Expedition soll dieses Rätsel lösen. Aber das schlechte Wetter hält ihn, seinen jüngeren Bruder Hubert und die Südtiroler Bergführer Hanspeter Eisendle und Wolfgang Thomaseth fest.

Am 26. Juli brechen Thomaseth, Eisendle und der Träger Rosalin auf, um Filmaufnahmen auf dem Diamirgletscher zu drehen. Als sie am Nachmittag zurückkommen, bringen sie ein grünliches Stück Stoff und einen Knochen mit. Hubert Messner, von Beruf Arzt, identifiziert ihn als menschlichen Unterschenkelknochen (Fibula). Stammt er von einem Jahre zuvor abgestürzten pakistanischen Bergsteiger? Ist der Knochen ein Überbleibsel von Mummery? Könnte er gar von Messners Bruder Günther sein? Der Fundort an der Nordseite des Gletschers liegt in der Flusslinie der Eislawine, die ihn vermutlich unter sich begrub. Hubert Messner ist skeptisch. Er schätzt den Knochen auf älter als dreißig Jahre. Außerdem sei er viel zu lang für den 1,70 Meter großen Bruder. Der Knochen wird verpackt – niemand ahnt, dass er später zum Beweisstück wird, um einen schlimmen Verdacht aus der Welt zu schaffen.

Der Fund gerät ins Abseits, nicht zuletzt, weil niemand je infrage gestellt hatte, dass Günther am Fuß der Diamirwand gestorben war – schon fast in Sicherheit, nachdem Reinhold den Höhenkranken die riesige Wand hinuntergelotst hatte.

Doch 2001 kam es bei einer Veranstaltung zu einem Eklat. Expeditionsteilnehmer von 1970 fühlten sich provoziert. Messner hatte niemandem Vorwürfe gemacht, aber eine von anderen Buchautoren aufgeworfene Frage aufgegriffen: "Warum kam weder der Expeditionsleiter Herrligkoffer noch die Mannschaft auf die Idee, nach den Messner-Brüdern zu suchen?" Max von Kienlin, 1970 als "Expeditionsgast" dabei, interpretierte Messners Ausführungen als "bösartige Verletzung der Objektivität". Er beschloss, sein "30-jähriges Schweigen aus Bergkameradschaft und Mitgefühl für Messner" zu beenden. Hans Saler, ein anderer Expeditionsteilnehmer, forderte "Gerechtigkeit und daß die Wahrheit endlich ans Licht muß".

Die Forderung bestand nicht etwa darin, zu klären, warum keinerlei Such- oder Hilfsaktion nach den vermissten Messner-Brüdern gestartet wurde, sondern darin einen völlig neuen Ablauf der Ereignisse von 1970 am Nanga Parbat zu behaupten, der Messner schwer belastete. Demnach hätte der überehrgeizige Messner von vornherein die Überschreitung des Berges von der Rupal- auf die Diamirseite geplant und den Tod des eigenen Bruders billigend in Kauf genommen. Reinhold habe Günther im Stich gelassen. Dieser sei entweder beim Abstieg durch die Rupal-Wand verunglückt oder in der Gipfelregion (Merklscharte) gestorben. Beweise und Zeugen existieren nicht, da in den entscheidenden Stunden die Brüder allein waren.

Ein erster Versuch Kienlins, seine Thesen zu lancieren, schlug fehl. Die deutschen Redaktionen lehnten sie als unseriös ab. Erst im April 2002 machte das österreichische Magazin Profil die Frage, ob Messner schuld am Tod seines Bruders sei, zur Titelgeschichte. Das Fernsehen nahm sich der Debatte an, Spiegel und stern zogen nach, und selbst die Südtiroler Illustrierte FF quälte ihren berühmten Landsmann mit der fettgedruckten Coverfrage "Wo ist Günther?". Trauriger Höhepunkt der "Debatte" war ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der Messner nahe legte, er solle endlich die Größe aufbringen zu sagen, "ob nicht doch Hans Saler und die anderen Recht haben".

Die inquisitorische Gewissenserforschung lässt Messner nur noch eine Chance: Er muss die Leiche seines Bruders im Diamirtal finden. Denn die gesammelten Konstrukte von Saler, Kienlin & Co. entlarvten sich von selbst, würden Günthers Überreste dort gefunden. Dass Leichen bergaufwärts über die Grate ins nächste Tal wandern, gilt selbst unter Bergsteigern als unmöglich.