umwelt Kleingärtners Biowaffen
Mikroben, Pilze und Käfer sollen Pestizide ersetzen. Doch die biologische Schädlingsbekämpfung hat in Europa gegen die Bürokratie kaum eine Chance
Rattengift, das klingt alarmierend: Todesgefahr für Mann und Maus. Doch geht es nach Thomas Jäkel, kann man dieses Klischee getrost vergessen. Der Biologe von der Universität Hohenheim ist der geistige Vater von Prorodent – „für Nager“ –, einem Rattengift, das sich gefahrlos verkosten und verdauen lässt. Unglaublich.
Aber wahr. Um zögernde Bauern oder störrische Beamte in Zulassungsbehörden zu überzeugen, kaut ihnen Jäkel sein Biorattenmittel sogar vor. Happ, und weg ist der Snack. Für den Biologen ist dies keine Show, sondern nüchterne Anwendung solider Forschung. Denn das wirksame Mittel in Prorodent ist dank seiner verblüffenden Zielgenauigkeit narrensicher. Er besteht aus einem hoch spezialisierten, einzelligen Parasiten namens Sarcocystis singaporensis, der ausschließlich Ratten und eine bestimmte Schlangenart, den in Südostasien heimischen Netzpython, befällt. Menschen haben von ihm nichts zu befürchten.
Die mikrobiologische Wunderwaffe ist nur für Ratten tödlich und schont die Umwelt. Prorodent krümmt nicht einmal nahen Rattenverwandten wie etwa Mäusen ein Haar. Und doch wird das Biopräparat, das gefährliche Rattengifte in Südostasien ersetzen soll und dafür mit deutschen Steuermitteln gefördert wird, in Europa wohl nie zum Einsatz kommen. Denn hier gibt es bereits chemische Rattenmittel, die recht umweltfreundlich und für den Menschen kaum giftig sind. Mit ihnen müsste Prorodent konkurrieren. Doch das ist wirtschaftlich aussichtslos wegen der exorbitanten Zulassungskosten für neue biologische Mittel.
Prorodent ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie ein Dickicht aus bürokratischen Brüsseler Vorschriften die Einführung neuer schonender biologischer Verfahren zur Schädlingsbekämpfung verhindert. Auch Peter Lüth kann ein Klagelied von den Schwierigkeiten singen, Konzepte zur innovativen Schädlingsbekämpfung in Deutschland und der EU durchzupauken. Für seinen jahrelangen Kampf bei der Entwicklung biologischer Pflanzenschutzmittel erhielt er 2002 den hoch dotierten Deutschen Umweltpreis. Dennoch gibt sich Lüth, Geschäftsführer eines kleinen mecklenburgischen Unternehmens namens Prophyta, keiner Illusion hin. Trotz aller Lippenbekenntnisse zu Innovationen und Umweltschutz hätten Neuentwicklungen in diesem Bereich kaum eine Chance. „Unser erstes Produkt, ein biologisches Fungizid, hat sechs Jahre benötigt bis zur Zulassung. Da geht den meisten kleinen Unternehmen doch die Puste aus“, schimpft Lüth. Biologischer Pflanzenschutz bleibe notgedrungen ein Nischenmarkt. Mit seiner Prophyta setzt er pro Jahr 1,5 Millionen Euro um. Die wenigen großen Firmen, die überhaupt noch Pflanzenschutzmittel entwickeln, interessieren sich allenfalls für Einsatzbereiche, die 50 und mehr Millionen Jahresumsatz brächten. Schließlich kostet die Entwicklung eines neuen Pestizids rund 100 bis 150 Millionen Euro.
Die Geschichten von Lüth und Jäkel verdeutlichen, wie schwer es innovative Ideen in Europa haben und warum sich neue biologische Methoden zur Schädlingsbekämpfung kaum gegen die klassischen Pestizide durchsetzen. Dabei hat Jäkel gute Argumente, weshalb Prorodent sicher ist für Mensch und Umwelt. „Erstens sind in Südostasien fast alle Python- und Rattenpopulationen von dem Erreger seit Jahrtausenden befallen. Dennoch hat er sich nicht auf andere Tiere oder Regionen ausgebreitet.“ Trüge er ein bedrohliches Seuchenpotenzial, dann hätten Wanderratten ihn längst weit verbreitet, wie einst die Pest. „Zweitens werden in Südostasien traditionell Ratten gegessen, oft nur wenig gegart. Wäre der Erreger eine Gefahr für Menschen, hätte man dies längst gemerkt.“
Der Parasit Sarcocystis singaporensis ist so perfekt an seine Wirte angepasst, dass er normalerweise nicht einmal Ratten gefährlich wird. Er schont seine Wirte, sogar deren körpereigene Abwehr merkt nichts von dem Gast. „Doch die Dosis macht’s“, sagt Thomas Jäkel. „Erst in großer Zahl verabreicht, wird Sarcocystis für die Ratten zur tödlichen Gefahr.“ Rund zwei Wochen lang merken infizierte Nager nichts. Dann plötzlich brechen massenhaft Parasiten aus der Blutbahn in die Lunge, das übertölpelte Immunsystem reagiert überschießend heftig. Die Ratten verenden binnen kurzer Zeit.
Das neue Rattenmittel, das sich gut getarnt in kleinen Ködern aus Weizenmehl, Öl, Vitaminen und Zucker ausbringen lässt, eignet sich besonders für die Dritte Welt. „Wir haben bewusst auf die Patentierung des Wirkprinzips verzichtet“, sagt Jäkel. Produziert wird Prorodent in Thailand. Es erlaubt dort eine nachhaltige Ressourcennutzung, die Europäer schaudern lässt: In armen ländlichen Gebieten Asiens sind Ratten geschätzte Delikatessen. Beim Einsatz klassischer Rattengifte (wie etwa Zinkphosphid) sind die Opfer für den Kochtopf tabu. Das neue Biomittel hingegen kann pfannenfähiges Nagerniederwild liefern.
Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ, und die Bundesregierung unterstützen mit 900000 Euro die Kommerzialisierung von Jäkels Biopestizid in Südostasien, neben Thailand auch in Malaysia, Indonesien, Vietnam und auf den Philippinen. Der 42-jährige Jäkel hat mittlerweile sogar seinen Job an der Universität Hohenheim an den Nagel gehängt und ist nach Bangkok umgezogen, um seinem Rattenmittel zum wirtschaftlichen Durchbruch zu verhelfen.
- Datum 29.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
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