Schon der erste Fotoband, mit dem Helmut Newton in Deutschland jenseits der Modemagazine bekannt wurde, provozierte das angenehm verblüffte Gruseln, das für sein Image bestimmend blieb: White Women erschien Mitte der siebziger Jahre, als David Hamiltons zärtliche Cousinen, ganz allgemein eine pubertierende Kuschelerotik das Bild beherrschten. Nun aber sah man erwachsene Frauen, die in Gesellschaft großer Hunde, an nächtlichen Swimmingpools, mit blutigen Messern, als Luxusliebchen in Luxuslimousinen oder als alternde Nymphomanin auf dem Satinbett eines Palazzos posierten.

Die Pumps waren hochhackig (das galt als besonders unmoralisch), die Körper nackt, die Schamhaare, die als Beiläufigkeit präsentiert wurden, buschig wie das Fell der Schäferhunde. Mit anderen Worten: Helmut Newtons Models waren keine Sexobjekte, wie die feministische Anklage glaubte, sondern Sexsubjekte, herrschsüchtige, fordernde Frauen, die den Männern einiges abverlangten. Da man diese Männer aber nur selten im Bild sah, konnte nur der Betrachter gemeint sein, und dem lief es kalt den Rücken herunter. Aus der Angstlust des Voyeurs beim Durchblättern dieses und folgender Bildbände (Sleepless Nights, 1978; Big Nudes, 1982; u. a.) wurde der anrüchige und glamouröse Ruhm Newtons geboren.

Mit Kunst hatte das alles und bis zuletzt nur insofern zu tun, als hier Fantasien, Obsessionen, Trugbilder Gestalt annahmen, die sonst in der Modefotografie nur am Rande oder im symbolischen Subtext auftauchten. Zu Recht haben Kritiker auf den Film als Vorbild hingewiesen; und in der Tat finden sich ähnlich zwanghafte Stereotypen (das Nicht-loslassen-Wollen von Lieblingsvorstellungen) etwa bei Russ Meyer und dessen großbusigen Tankwartfrauen. Man hat, weil Newton im Vorkriegs-Berlin aufwuchs und nicht müde wurde, Leni Riefenstahl zu bewundern, von Nazi-Ästhetik gesprochen, von Sadismus und Herrenmenschentum. Das war grober Unfug; nicht nur weil der Sohn eines jüdischen Knopffabrikanten 1938 vor den Nazis fliehen musste, sondern weil ein eigentümlich zärtlicher, demütig liebender Blick auf seinen hoch gewachsenen Amazonen ruht, der von Bewunderung für starke Frauen, von Unterwerfung, vielleicht sogar dem Wunsch sprach, durch die Hand einer unerbittlichen Kriegerin zu sterben.

Das sind natürlich ebenfalls Männerfantasien, aber nicht die des Machos; es sind Klischees, die in der Mode immer schon gerne durch Stiefel, Metallgeflechte, Leder zitiert wurden. Newton ist auch in dieser Hinsicht kein originärer Künstler, der Mode kritisch unterläuft, aber doch revolutionär, weil er den ganzen heimlichen Zitatenschatz der Haute Couture dreist ans Licht holte. Die provokative Geste verlor an Kraft, indem sie aus den Modemagazinen in Bücher oder Ausstellungen wanderte, wird aber heute nur deshalb belächelt, weil sie sich durchgesetzt hat.

Sein besonderer Ruhm hierzulande kam ebenso von seiner Karriere in den Glamourwelten Frankreichs und Amerikas, die sonst den Deutschen meist verschlossen bleiben. In Helmut Newton, der letzte Woche 83-jährig bei einem Autounfall in Los Angeles ums Leben kam, eroberte Deutschland etwas Glanz und Verruchtheit der Vorkriegszeit zurück. Dass er kurz vor dem Tod seine Fotosammlung Berlin vermachte, hat uns darum sehr gut getan.