USA Da braut sich was zusammen

John Kerry gewinnt auch die Vorwahl der Demokraten in New Hampshire. An der Basis wächst die Zuversicht, George Bush schlagen zu können

Merrimack, New Hampshire

Alles beginnt am 16. Januar, als Jim Rassman in eine Buchhandlung geht und die neue Kriegsbiografie über John Kerry sieht. Er schlägt das Buch auf und entdeckt seinen eigenen Namen. Da ist sie, die Geschichte, die beide Männer verbindet: wie der Rekrut Rassman im März 1969 im Schnellboot beschossen wird und irgendwo in Südvietnams Flusslandschaft über Bord geht, der junge Leutnant John Kerry das Boot aber wendet und den Schiffbrüchigen, wiewohl selbst am Arm verletzt, unter Beschuss aus dem Wasser zieht.

Rassmans Augen werden feucht, als er diese Geschichte liest. Er geht nach Hause, schläft unruhig und beschließt am nächsten Morgen, seinem Retter späten Dank darzubringen. Er will ihm fortan helfen, Präsident zu werden. Am folgenden Tag steht er vor zwei Dutzend Kameras und fällt seinem Kriegskameraden nach 35 Jahren medienwirksam in die Arme. „Ohne John Kerry“, sagt Rassman, „hätte ich niemals überlebt.“ Seither gehört er zum Tross des Kandidaten und erzählt seine Geschichte im Wahlkampf von New Hampshire. Für den deutschen Gast zieht er aus der Brusttasche zwei vergilbte Fotografien aus dem Vietnamkrieg. Heute, sagt er, sei er Orchideenliebhaber und pflege Kontakt zu deutschen Orchideenfreunden. Er kenne die deutschen Besorgnisse über Bush und antworte neuerdings immer: „Der Kerry ist eure Hoffnung – und unsere.“

Anzeige

Senator Kerry hat sich angewöhnt, jede Veranstaltung zur Veteranenshow zu machen. Die Bühnen erhalten Rampen, damit Kriegsversehrte in Rollstühlen hochfahren können. Und in der ersten Reihe sitzen die Veterans for Kerry in Fliegerjacken oder Marine-Blousons. Für den Fremden sieht das zunächst aus wie vaterländische Folklore für ältere Herren, nicht wie der Kampf ums Weiße Haus. Dann tritt einer der Kameraden vor und begründet, warum Kerry Präsident werden soll: „Weil er dabei gewesen ist, alles gesehen hat und sich dabei ein paar Löcher im T-Shirt geholt hat.“ Ganz klar: Kerry will sich mit Hilfe der eigenen Biografie gegen Attacken der Rechten imprägnieren. Aus seinem Heroismus leitet er die Legitimation ab, George Bushs Antiterrorpolitik zu geißeln. In John Kerry bündelt sich der Versuch der Demokraten, den Patriotismus dem Alleinbesitz der Rechten zu entreißen. Kerrys Zuhörer jubeln, wenn er ankündigt, er werde eine Ära „internationaler Kooperation ohne Beispiel in der Geschichte“ einleiten.

In seiner neuen Verpackung will sich Kerry den Wählern als erwachsen, erfahren und präsidentiell andienen. Die Kandidatur des Novizen Wesley Clark soll dagegen überflüssig aussehen, Senator John Edwards wie ein Grünschnabel wirken und Howard Dean wie ein unberechenbarer Draufgänger. Kerry versucht, Sicherheit auszustrahlen. Und damit die Gewissheit, am Ende gegen den Präsidenten gewinnen zu können. Diese Strategie katapultierte ihn aus der Bedeutungslosigkeit an die Spitze der Bewerberschar. Am Dienstag hat er mit New Hampshire den zweiten Bundesstaat gewonnen.

Nicht nur Kerry zieht die Menschen an. Immer wieder müssen Kandidaten ihre Kundgebungen in größere Hallen verlegen. Ob morgens um acht oder abends um neun – stets und überall ist es brechend voll. Manchmal werden neben den Hallen Zelte aufgebaut, in denen die Reden auf der Leinwand zu sehen sind – bei Tagestemperaturen von minus 15 Grad. Die Kandidaten, die kreuz und quer über Land hetzen, kommen üblicherweise zu spät. New Hampshires Wähler haben Geduld. Wer diese Welle politischer Begeisterung erlebt, dem ist um die Zukunft der amerikanischen Demokratie nicht bang, wohl aber um die George Bushs. Man mag sich zeitweilig gefragt haben, wo die Opposition bleibt – jetzt ist sie da, in Rekordzahlen an den Wahlurnen.

Traditionell sind Iowa und New Hampshire die Versuchslabors der amerikanischen Demokratie. Nur ein paar hunderttausend Wähler gibt es in beiden Staaten. Fast niemand wählt hier allein nach Fernsehkonsum. Jeder hat die Chance, ganz nah ranzukommen an einen künftigen Präsidenten – bei einer Rede oder sogar bei einer „House-Party“. Eine ältere Dame antwortet im Städtchen Derry auf die Frage, ob sie sich schon entschieden habe: „Nein, ich habe ja noch nicht alle Kandidaten gesehen.“ Diese urtümliche Graswurzeldemokratie widerlegt die These, das Weiße Haus sei zu kaufen; allein Geld und Medienmacht entschieden über die Präsidentschaft. In Wahrheit kann in Iowa und New Hampshire nur gewinnen, wer die Menschen persönlich überzeugt. Manchmal ist die Frage nach dem Kandidaten schon nach zwei Staaten geklärt. Wenn nicht, muss der Wahlkampf den Kontinent überspannen. Erst dann wird Organisationskraft entscheidend – und damit Geld.

An einer Straßenecke in der Innenstadt von Manchester steht ein Mann und hält – dick vermummt – ein Plakat für Howard Dean hoch. Fast jeder Autofahrer winkt, schon aus Mitleid mit dem frierenden Wahlhelfer. Der Mann heißt Brian DuCharme, ist 34 und Mobilfunkmanager aus Boston. Die ganze Woche hat er verfolgt, wie die Medien auf seinem Favoriten herumhacken. Da sagt sich DuCharme: „Jetzt erst recht!“ und fährt los. Zunächst meldet er sich im Freiwilligenzentrum der Dean-Kampagne. Zu Tausenden strömen die Helfer herbei und drängen sich in einem Ladenlokal. DuCharme fühlt sich wie ein alter Mann, denn umgeben ist er von College-Kids. Es ist eine Jugendbewegung, die Howard Dean durch seine Gegnerschaft zum Irak-Krieg um sich versammelt hat. Viele sind keine Anhänger, sondern Jünger. Tausende Wahlkampfhelfer werden über eine Zimmerbörse bei Dean-Anhängern untergebracht. Binnen Minuten nach seiner Ankunft wird dem Mobilfunkmanager DuCharme die erste Aufgabe zugewiesen.

Service