gesellschaft Verraten vom Tastenklick

Wie die neuen Medien Ehen zerstören. Ein Erfahrungsbericht

Traurig blickt Frau G. auf das Display ihres Mobiltelefons. „Das ist eine SMS von meinem Mann. Er schreibt: Ich komme nicht.“ Na prima, das Ehepaar G. hatte nie sonderlich gut auf die Einhaltung seiner Termine geachtet; doch diese einseitige Spontan-Absage unserer Sechs-Uhr-Sitzung, per SMS um 17.58 Uhr, ist neu. Nach einer Pause fügt Frau G. leise hinzu: „Wir haben uns letzte Woche getrennt.“ Offenbar kam das Ehepaar G. wieder zu spät – nicht nur zur Paartherapie, sondern auch bezüglich seiner Ehe.

Da helfen auch die neuen Informationstechnologien nichts. Im Gegenteil, viele Konflikte entstehen sogar erst durch sie. Therapeuten können ein Lied davon singen.

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„Bin im Moment selten in meiner Wohnung, und mein Mobiltelefon hat einige Eigenheiten entwickelt; so hat mich Ihre Nachricht erst gestern erreicht. Entschuldigen Sie bitte den verpassten Termin.“ Diese Botschaft der viel reisenden Geschäftsfrau M. erreicht mich per E-Mail – drei Tage nach der vereinbarten Sitzung. In der letzten hatten wir noch ausgiebig über „Entschleunigung“ gesprochen.

Die neuen Medien sind nicht aufzuhalten. Gerade in der Paartherapie vergeht kaum eine Sitzung, in der sie nicht zumindest in einer Nebenrolle zur Sprache kommen. In meiner kleinen Privatstatistik „Warum kommen Paare eigentlich in die Beratung?“ tauchen immer häufiger Aussagen auf wie: „Ich habe die Mails meines Mannes gelesen…“ Oder: „Die Handyrechnung meiner Frau war so hoch, da habe ich mal den Einzelnachweis gecheckt: immer wieder die Nummer dieses Typen aus Süddeutschland.“

Heutzutage ist es nicht mehr der Ohrring unter dem Ehebett oder das Haar auf dem Jackett, die Betrugsverdacht erwecken; heute wird andernorts geschnüffelt und kontrolliert, und das Wort vom „Personal“ Computer erhält einen ganz eigenen Klang. Auch der Streit um Privatsphäre und Grenzen in Beziehungen muss neu und anders ausgefochten werden.

„Er lag neben mir im Ehebett und hat eine SMS an diese andere Frau geschickt. Es war morgens um fünf“, berichtet Frau N. „Ich lag daneben und habe diese Pieptöne gehört. Wie kann er mir das antun? Ich hab ihn gebeten auszuziehen und meinen Ehering abgenommen.“ Frau N. ringt um Fassung und hebt anklagend die rechte Hand. Immerhin kommt das Ehepaar N. noch gemeinsam zur Beratung.

Auch das Internet spielt neuerdings eine wichtige Rolle – zum Beispiel bei Problemen im Zusammenhang mit sexuellen Bedürfnissen. „Nach meiner letzten Trennung habe ich mich im Netz auf die Suche nach einem Paar gemacht“, sagt Frau Sch. „Sie meinen, auf die Suche nach einem neuen Partner?“ – „Nein, ich wollte ein Paar kennen lernen“, stellt Frau Sch. klar und macht dabei ein Gesicht, als frage sie: „Na, ist der Herr Berater jetzt überfordert?“

Jedenfalls habe sie dank des Internet tatsächlich ein interessiertes Paar kennen gelernt. „Erst ging es gut zu dritt. Dann haben Gerhard und ich uns ineinander verliebt. Seine Frau hat ihn verlassen, und wir haben geheiratet. Jetzt wird es mir aber zu viel, wenn er jeden Tag Sex will.“ Am Ende der Beratung wird sich Frau Sch. wieder von Gerhard getrennt und viel über Dreieckskonstellationen in ihrem Leben entdeckt haben.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
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