Porträt Die Frau nebenan
Frances McDormand ist der Star vieler Filme der Coen-Brüder. Jetzt spielt sie eine sinnenfrohe Hippie-Mutter
Solche Frauen trifft man an der Käsetheke. Sie nehmen Anteil an unserem Schnupfen, bieten im Bus ihren Platz an oder machen uns auf der Damentoilette darauf aufmerksam, dass noch Klopapier unterm Absatz klebt. Frances McDormand spielt Frauen, die unsere Nachbarinnen, ehemaligen Lehrerinnen oder älteren Schwestern sein könnten. Es muss eine große Kunst sein, sein Gesicht für all diese Privatprojektionen freizuräumen, ohne dabei die selbstironische Hintergründigkeit aufzugeben, mit der McDormand ihre Heldinnen aufwertet.
McDormand wuchs bei einer Wanderprediger-Familie in den Vorstädten von Illinois auf. Pummelig, bebrillt und zutiefst gläubig, campierte sie in den Schulferien mit christlichen Jugendverbänden, erlebte unter freiem Sternenhimmel nicht nur spirituelle, sondern auch fleischliche Epiphanien. „Dann fügte ich beide Erfahrungen fürs restliche Leben zusammen.“ Zur ersten Filmrolle verhalf ihr später Holly Hunter, mit der sie sich eine kleine Wohnung in der Bronx teilte. Die „zwei ausgeflippten Typen“, die für ihr Debüt noch eine Hauptdarstellerin suchten, waren Joel und Ethan Coen. Der Part der verfolgten, aber wehrhaften Ehefrau in Blood Simple soll McDormand regelrecht „traumatisiert“ haben. Seit sie sich bei einer blutrünstigen Szene schluchzend unter dem Tisch versteckte und von Joel wieder hervorgezogen wurde, sind die beiden ein Paar.
Frances McDormand ist keine planmäßige Schönheit. Ihre Frauen müssen sich erst hübsch machen, bevor sie aus dem Haus gehen. Bei der Maniküre oder beim Bügeln großblumiger Sommerkleider tragen sie Lockenwickler. Keine Sexbomben also, keine Entrückten. Also musste erst die ebenso sture wie scharfsinnige Polizistin Marge Gunderson in Fargo von den Coen-Brüdern auftauchen, um McDormand einen Oscar und angemessene Berühmtheit einzubringen. Marge, dieses hochschwangere und ständig heißhungrige Geschöpf, das mit dem stoischen Gleichmut des Mittleren Westens durch den Schneematsch des Verbrechens stapft. Viel spricht sie nicht, und wenn, dann sehr langsam, was ihrer kleinen Rede an den frisch verhafteten Mörder eine zauberhafte Monumentalität verleiht: „Es gibt mehr im Leben als ein bisschen Geld. Wissen Sie das etwa nicht? Und jetzt sind Sie gefangen, und es ist so ein wunderschöner Tag. Na ja, ich verstehe es eben einfach nicht.“
Egal, ob McDormand tyrannisierte Ehefrauen, ausgenutzte Freundinnen, melancholische Lesben oder überprotektive alleinerziehende Mütter spielt – ihre Figuren sind Abgesandte einer bedrohten Normalität. Stets haben sie etwas zu beschützen, zu verteidigen, zu verlieren. Ein Kind, die eigene Schwester, unumstößliche Moral oder ihre Integrität. Und sie haben schon zu viele kleine Männer mit zu großen Zielen scheitern sehen, als dass sie sich vom anderen Geschlecht viel versprechen würden.
Es gab Zeiten, in denen sie besorgt war, dass sie „einfach nicht zu dem Typus Frau zählen könnte, die das Kino überhaupt ausbeuten will“. Doch so wenig sie ihren Körper zur Vermarktung freigibt, so wenig lässt sie sich entsexualisieren.
Im Moment ist sie denn auch als sinnesfrohe Musikproduzentin und übrig gebliebene Hippiefrau in Lisa Cholodenkos Laurel Canyon zu sehen. Mit wunderbarer Gelassenheit stemmt sie sich dort gegen den Druck ihres angepassten Sohnes, sich seriöser zu kleiden, das Wohnzimmer aufzuräumen und endlich mit Würde erwachsen zu werden. Sie raucht Hasch, hat einen 20 Jahre jüngeren Liebhaber, knutscht mit der Freundin ihres verklemmten Sprösslings und präsentiert sich in jeder Nackt- und Badeszene mit der Lässigkeit einer Strandkönigin. Ihre Gebrochenheit resultiert nicht etwa aus einem problematischen Verhältnis zu Alter oder Bindegewebe. Eher aus der wachsenden Gewissheit, dass die Befreiungsutopien der 68er zugleich die spießige Konterrevolution der nächsten Generation in Gang gebracht haben.
Laurel Canyon ist McDormands erster Abstecher vom Terrain der kontrollierten Mittelklasse. Weitere sollen folgen. Als Hure oder als Psychokillerin, wenn es nach ihr ginge. Das muss noch keinen Abschied vom Vertrauten bedeuten. Schließlich ist nichts so geräumig wie der Seelenkeller unserer Nachbarin.
- Datum 29.01.2004 - 13:00 Uhr
- Serie portraet
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
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