Filmfestival Ewige Abi-Party
Das Saarbrücker Nachwuchsfilmfestival wird 25 Jahre alt. Eine kleine Gratulation
Okay, es ist nicht ganz einfach, sich vorzustellen, dass diese Stadt, die wie eine vergessene Murmel in einem düsteren Talkessel an der deutsch-französischen Grenze liegt und von einer abgrundtief hässlichen Stadtautobahn durchschnitten wird, der Nabel der Welt sein kann. Mit Saarbrücken verbindet das bundesdeutsche Kollektivgedächtnis wenig mehr als stillgelegte Kohlegruben und Oskar Lafontaines Bordellkontakte. Und doch scheint es ganz natürlich, dass gerade hier eines der wichtigsten deutschen Filmfestivals stattfindet, ja dass der deutsche Filmnachwuchs ohne Saarbrücken überhaupt kein Nachwuchs wäre, sondern eine Ansammlung einsam vor sich hin kümmernder Pflänzchen. Seit 25 Jahren zeigt das Saarbrücker Max Ophüls-Filmfestival Erst-, Zweit- und Drittfilme. Hier liefen die Regiedebüts von Doris Dörrie, Wolfgang Becker und Christian Petzold, hier traten die Regisseure als schüchterne Hänflinge zitternd vor ihr Publikum. Maria Schrader, Lars Rudolph, Til Schweiger und Christiane Paul erhielten als Nachwuchsdarsteller ihre ersten Preise – jene blauen Leuchtherzen, die als Serviettenständer zu sperrig und als Lampen zu trübe sind. Die durch alles hindurch vibrierende Aufregung des Ersten Mals verleiht diesem Festival eine spätpubertäre Aura, irgendwo zwischen Jugend forscht und dem zarten Glamour der Studentenoscars.
Tatsächlich steht in Saarbrücken alles in einem natürlichen Widerspruch: Provinzmuff und verheißungsvolle Filme, hysterisierte Regisseure und saarländisches Phlegma, Berliner Szeneschnösel und der Gulaschsuppencharme der örtlichen Schwulenbar. Melancholisch trottet man durch die deprimierendste Fußgängerzone des Universums, verspürt beim Betreten des Kinos aber sofort das belebende Gefühl, jederzeit das Debüt eines Regisseurs entdecken zu können, an dem bald keiner mehr vorbeikommt. Vor drei Jahren lief hier im Wettbewerb Hans Weingartners eindrückliche Schizophreniestudie Das weiße Rauschen , im letzten Jahr Martin Gypkens Berliner Generationenporträt Wir und diesmal Mucksmäuschenstill von Marcus Mittermeier – ein Regiedebüt, das einem selbst ernannten Berliner Sheriff beim Überwachen und Strafen zuschaut. Mit makellos gebügeltem Hemd kassiert der Sicherheitsfanatiker bei Schwarzfahrern ab, verprügelt Kinderschänder und zwingt Hundebesitzer, die Haufen ihrer kleinen Kotsünder zu essen. Es ist ein verrückter, im Gewaltexzess endender Film, der dem paranoiden Zeitgeist eine Form gibt und alles und jeden abwatscht: die Leere der Verantwortungsrhetorik, Dieter Bohlen, Roland Koch, die Ich-AG und ein gesellschaftliches Klima, in dem der unbestimmte Hass seine Kreuzzügler hervorbringt.
Wer wissen will, welche ganz realen Wahnbilder sich in den kleinen Digikameras verfangen, was in den Köpfen der Jungregisseure gärt und an den Filmhochschulen in der Luft liegt, der muss nach Saarbrücken fahren. In einer Zeit, da jedes Städtchen ein Festival ausruft, drei Filme schon als eine Reihe gelten und die Provinz dem Kultur-Event nachhechelt, blieb sich dieses Festival stets treu, indem es weiterhin stur auf den Nachwuchs setzte. Als neuer Leiter betreibt Boris Penth seit letztem Jahr eine dezente Modernisierung, bläst den Staub aus den Ecken und lässt ansonsten alles klug beim Alten.
Vielleicht ist Saarbrücken der ideale Ort für ein Nachwuchsfestival, weil der Saarländer mit seiner hedonistischen Grundbefindlichkeit absolut nichts Einschüchterndes hat. Selbst eine Doku über esoterische Wurstverkäuferinnen kann hier beim Publikumsgespräch noch mit höflichen Fragen rechnen. Regisseure, die sich beim Drehen des Abschlussfilms monatelang von Tiefkühlpizza ernährten, werden mit Wein und schweren Kartoffelknödeln wiederbelebt. Abends, nach der Premiere, stehen die Filmemacher gemeinsam mit der Provinzjugend in einer turnhallenartigen Kneipe namens Garage und gehen bei steigendem Bierkonsum immer wieder aufgeregt die Szene durch, bei der ein Zuschauer plötzlich aufstand und aufs Klo ging. Manchmal erinnert Saarbrücken an eine Abi-Party. Oder an eine angenehm enthemmte Klassenfahrt, die seit 25 Jahren immer wieder in dieselbe Jugendherberge führt.
- Datum 29.01.2004 - 13:00 Uhr
- Serie film
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.01.2004 Nr.6
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