UkraineIm Land von Schein und Sein

Die Ukraine will zu Europa gehören. Dafür machen private Galerien Kulturpolitik. Und schräge Künstler vermarkten den Präsidenten von Barbara Lehmann

Kiew am Morgen. Eine Fata Morgana, ein einziger Trip. Der Platz der Unabhängigkeit: ein nationales Disneyland. Früher hieß er Platz der Oktoberrevolution und das Hotel im Hintergrund Moskau, davor stand eine Lenin-Statue. Nun steht "Ukraina" auf dem stalinistischen Wolkenkratzer, und im Himmel über Kiew schwebt, einen Schneeballzweig schwingend, das "Mädchen Ukraine" auf einer korinthischen Säule. Dahinter schiebt sich das Glashalbrund des unterirdischen Einkaufszentrum Globus ins Bild. Links erheben sich Kiews legendäre Stadtgründer als wehrhaftes Quartett mit Pflug, Schwert und Bogen, rechts greift der bronzene Kosack Mamaj in die Saiten seiner Bandura. Auf der anderen Seite des Platzes breitet der Erzengel Michael, Kiews Schutzpatron, auf der Rekonstruktion eines alten Stadttors die goldenen Schwingen aus. Dazwischen wölben sich immer wieder gewächshausähnliche Blasen: Globus bohrt sich auf der Suche nach Licht durch die Steine.

1000 Jahre unabhängige Ukraine werden hier als staatliches Über-Ich zelebriert. Das Kiewer Reich, der Kosakenstaat des 17. und 18. Jahrhunderts und die ukrainische Volksrepublik von 1918 presst man in ein nationalstaatliches Kontinuum. An der Neugestaltung des Platzes verdienten vor allem Kulturbürokraten, die der Regierung von Leonid Kutschma hörig sind. Doch in Wirklichkeit ist die Ukraine gerade mal zwölf Jahre jung. Das heterogene Staatsgebilde, flächenmäßig der größte rein europäische Staat (das größere Russland hat einen asiatischen Teil), eint vor allem das halbe Jahrhundert gemeinsamer sowjetischer Vergangenheit. Anfang der Neunziger hatten Menschen aus allen Landesteilen auf dem noch nicht zugebauten Platz eine Zeltstadt errichtet und für die Ablösung des sowjetischen Premierministers gehungert. Die Kutschma-Regierung übernahm bei der Neugestaltung des Platzes zwar das Freiheits- und Unabhängigkeitspathos der westukrainischen Nationalbewegung Ruch. Doch gleichzeitig hat sie den Ort für zukünftige Demonstrationen untauglich gemacht. Als Kiews Lebensader, sein Unbewusstes, pulsiert jetzt die unterirdische Einkaufsstadt.

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Nichts ist hier, was es scheint. Fürst Potjemkin blendete seinerzeit Zarin Katharina II. auf ihrer Reise durch seine südukrainische Heimat mit frisch aufpolierten Fassaden, die Gelman-Galerie dagegen tarnt sich durch Bescheidenheit. Die Dependance der großen Schwester in Moskau duckt sich unweit vom Platz der Unabhängigkeit in einer kleinen, hügeligen Seitenstraße im Souterrain. An den Wänden Fotos mit sibirischer Konzeptkunst: Künstler mit Putin-Masken vor dem Gesicht stapeln sich auf einem Sofa. Im Büro dahinter ein Ölporträt des schnauzbärtigen Jurij Andruchowytsch, des vielleicht bekanntesten Schriftstellers der Ukraine. Melancholisch starrt er in ein Glas auf seinem leeren Schreibtisch. In Wirklichkeit aber ist die Galerie der Think Tank einer neuen Kulturpolitik, die sich mit dem Label der Modernität schmückt. Marat Gelman, einst Wahlkampfstratege des russischen Präsidenten Putin, seit kurzem stellvertretender Direktor des 1. russischen Fernsehkanals, finanziert sie aus den Mitteln seiner Kiewer Consulting-Firma, welche die Drähte zwischen russischer und ukrainischer Präsidialverwaltung ölt. So wird Putins neue Machtpolitik lanciert; 30 Prozent der ukrainischen Industrie sind inzwischen wieder in russischer Hand.

Alles wie zu Sowjetzeiten – nur die Angst ist weg

Der Galerieleiter Alexander Roitburd, ein jüdischer Künstler aus Odessa, hockt verkatert in seinem Büro vor einer Cola light. Gestern war Vernissage und die Nacht lang. Die neue Ausstellung der Galerie, wegen der Größe im Haus der Künstler gezeigt, soll der Grundstein für das erste ukrainische Museum für zeitgenössische Kunst sein. Doch die Erste Kollektion, die als nationales Projekt angepriesen wird, dient vor allem Gelmans Profitmaximierung. Als Mäzen hat er Viktor Pintschuk vor den Karren gespannt, den Schwiegersohn des Staatspräsidenten, einen milliardenschweren Dnjepopetrowsker Oligarchen. Der Stahl- und Pipelinekönig ist eines der Häupter von drei Clans, die mit dem Präsidentenapparat eng verwoben sind und das Land im Würgegriff halten. Daneben ist er aber auch Abgeordneter, potenzieller Präsidentschaftskandidat für 2008 und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Eigentlich sammle Pintschuk die russische Moderne, erklärt der Galerist Roitburd, doch Malewitsch, Burljuk und Tatlin seien schließlich waschechte Ukrainer. Nein, die Avantgarde von heute lasse sich nicht wie ihre Vorläufer für die Politik missbrauchen: "Die Ukraine ist wie ein Reiter ohne Kopf, die Elite wurde durch die jahrhundertelange Annexion des Landes ausgedünnt. Das Museum wird ein Schritt zur Modernisierung des Bewusstseins sein." Roitburd, ein Maler sadomasochistischer Szenen im antiken Verfallsambiente, verlor unlängst Frau und Tochter an Amerika. Als er dort nicht reüssieren konnte, kehrte er zurück nach Kiew.

Werke von 50 ukrainischen Künstlern wurden für die Erste Kollektion auf die Schnelle von den Karpaten bis zum Schwarzen Meer zusammengetragen, auch von Oleg Kulik, Boris Michailow und anderen Größen, die im globalen Kunstgeschäft eigentlich als Russen gehandelt werden. Ölschinken, Skulpturen, Fotos, Videoprojektionen reihen sich dicht an dicht, pseudoradikale Gesten und viel Anbiederung an westliche Marktstrategien. Ein Flickenteppich, so heterogen wie das Land zwischen Lemberg und Charkiw, durch das die Großmächte aus West und Ost jahrhundertelang willkürlich ihre Grenzen zogen. Ab und an immerhin ein Bild, das die Diskrepanz zwischen der brüchigen Wirklichkeit und den hochfliegenden Selbstentwürfen entlarvt. Der Charkiwer Fotograf Sergij Bratkow zeigt vier halb nackte Kundinnen einer Samenbank. In der Hand halten sie Konservendosen mit den Spermien ihrer Traumprinzen, Juan Carlos zum Beispiel oder LeopoldIII. Manchmal kippt die ohnehin absurde Wirklichkeit endgültig ins Surreal-Bedrohliche: Endlos fährt in Glib Katschuks und Ihor Tschazkins Video eine Straßenbahn durch Odessa, vorbei an Industrieruinen und scheckigen Häusern, und plötzlich, für einen Wimpernschlag, beginnt eine Mauer zu tanzen, baumelt ein Erhängter am Baum, schrumpfen Kinder zu Zwergen, um dann wieder in Orginalgröße zu winken. Hier, wo die Wirklichkeit durch ständigen Wandel bis zur Unkenntlichkeit verformt wurde, muss die Kunst doppelte Verfremdungstechniken aufbieten.

Kiew: die Mutter der russischen Städte, Sitz der Kiewer Fürsten. Die weiße Stadt prangte schon im Glanz ihrer Kirchen, als Moskau noch gar nicht auf der Landkarte erschienen war. Die Fresken der Sophienkathedrale sind der Flügelschlag der Orthodoxie, während sich in den dunklen Stollen des Höhlenklosters Lawra die lebensfrohen Schönen der Stadt zu demütigen Hutzelweibchen krümmen, angezogen vom Sog einer jenseitigen Dramaturgie. Später war die Stadt, weit abgeschlagen hinter Moskau und Petersburg, nur die ewige Dritte im russisch-sowjetischen Städteverbund. Als nach dem Reaktorunfall im 100 Kilometer entfernten Tschernobyl die radioaktiven Wolken herüberwehten, sollte Kiew zur "dritten Zone" erklärt werden. Am Komplex der Provinzialität hat die Stadt bis heute zu nagen. Jetzt boomt sie erst mal, als neues administratives Zentrum, als Staat im Staat – und hat ihrerseits die übrigen ukrainischen Großstädte, Odessa, Lemberg, Charkiw, Dnjepropetrowsk, zur Provinz degradiert. Es ist, als habe die Stadt eine jahrzehntelange Ehe mit einem Alkoholiker hinter sich und putze sich nun für die neue Eigenständigkeit.

Ortstermin am Petscherskij-Gericht. Das zweistöckige klassizistische Stadthaus steht unauffällig in einem Hinterhof der Hauptstraße Chreschtschatyk. Innendrin arme Seelen auf fleckigen Bänken, ein lächelnder grauhaariger Grandseigneur wird in Handschellen abgeführt. "Ein Horror-Movie", sagt Jerzy Onuch, "eine Travestie, in der wir alle nur Puppen sind." Onuch, Leiter des Zentrums für Zeitgenössische Kunst, wartet schon seit elf Uhr – und mit ihm starrt eine Phalanx von Mitangeklagten und Anwälten das braune Linoleum an. Im Jahr 2000 wurde Onuch vom Premierminister zum Kurator des Ukrainischen Pavillons der Biennale in Venedig ernannt. Doch im Künstlerverband, diesem toten Körper aus Sowjetzeiten, hielt man ihn, den gebürtigen Polen, für nicht würdig und zudem für einen Agenten des philantropischen Spekulanten George Soros. Kurz vor der Eröffnung der Biennale wurde Onuch abgesetzt. Auf einer Pressekonferenz in Venedig kritisierte er daraufhin die Ukraine als größte aller postkolonialen Gesellschaften. Ein ideeller Schaden von mehr als einer Million Dollar sei dadurch entstanden, behauptet nun Onuchs damaliger Nachfolger Valentin Rajewskij, fordert Schadensersatz – und klagt gleich noch gegen die Soros Foundation sowie Journalisten, die die Kritik veröffentlichten. Ein Musterprozess zur Abschreckung aller, die auf Meinungsfreiheit beharren. "Die politischen und sozialen Probleme werden auf dem Altar der friedlichen Gesellschaft geopfert", sagt Onuch. "Hinter dem viel beschworenen sozialen Frieden verbirgt sich nur Stagnation."

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