"Hektisch" hat diese Regierung nur Fehler auszuräumen versucht, die in der Hektik geboren wurden – von der Maut bis zur Pflege. Noch im Wahlkampf 2002 hat sie den Deutschen Schutz vor den Stürmen des Wandels vorgegaukelt. Dann hat sie mit der Agenda das Steuer nur um ein paar Grad gedreht. Dennoch: Ehre, wofür Ehre gebührt. Dieser Kanzler hat 2003 einen historischen Prozess ausgelöst. Er hat an einer Kultur gerüttelt, die das Ist zum Sanktum, das Mehr zum elften Gebot verklärt hatte. Er hat erkannt, dass die totale Daseinsfürsorge den geschlossenen Nationalstaat voraussetzt, der sich um Lohn-, Steuer- und Regulierungsgefälle nicht kümmern muss.

Der aber ist nach allen Seiten offen – und obwohl Schröder das weiß, will er alle Viere von sich strecken? Die Wahlen, die Wahlen… Richtig ist, dass keine Regierung die Pflicht hat, sich zu entleiben, um in die Geschichtsbücher einzugehen. Richtig aber ist auch, dass sie das Gute tun kann, ohne sich dabei ein frühes Grab zu schaufeln.

Vorweg muss sich Rot-Grün aus dem tödlichen Diskurs befreien, der besagt: "Es muss uns allen schlechter gehen, damit es uns irgendwann besser geht." So geraten Rente, Gesundheit, Sozialhilfe ins Visier – und das Wahlvolk schreit auf: "Gürtel enger? Nicht bei mir!" So summieren sich die Verlustängste zu den 75 Prozent der Wähler, die der SPD den raschen Abgang wünschen. Das Schicksal des Absteigers Deutschland verblasst im Kalkül. Die Wähler krallen sich an ihre Ansprüche, die Gewählten an ihre Macht.

Otto Rehhagel fragen

Eine Regierung hat aber sehr wohl die Pflicht, widerborstige Eigeninteressen bekömmlich zu vereinen. Führung heißt: nicht die Verluste, sondern die Gewinne dramatisieren – nicht die Schwächen, sondern die Stärken, nicht die Angst, sondern den Ansporn, nicht die Wehmut, sondern die Zukunft, die – und jetzt ein kleiner Stachel – sonst an den Deutschen vorbeiziehen wird. Wenn’s die Redenschreiber nicht packen, können sie bei Churchill, de Gaulle und Kennedy nachschlagen. Zu getragen? Dann Otto Rehhagel fragen. Jeder Fußballtrainer weiß, wie man ein Team motiviert, warum nicht auch der Kanzler?

Helmut Schmidt hat "Visionen" einst auf die Couch des Psychiaters verbannt. Doch gibt es einen zweiten Weg, der besser zu Schröders Naturell passt als Visionen. Das sind Reformen, die im 14-Wahlen-Jahr den wundersamen Vorteil haben, niemandem etwas wegzunehmen.

Gerade unter der neuen Losung "Innovation" liefert der Wissenschaftler Mathias Tschöp, der aus den USA zurückgekehrt war, ein hübsches Beispiel. An seinem Institut wollte er einen gebrauchten Computer bestellen. "Man musste vier Seiten ausfüllen, der Antrag aber wurde abgelehnt wegen eines Fehlers im Absatz 342." Heute arbeitet er in Cincinnati, einer von 400000 europäischen Wissenschaftlern in Amerika.