Was eigentlich denken sich unsere Staatsmänner und -frauen? Das Land sucht einen neuen Präsidenten, aber die Parteiführer betreiben unterdessen ihre taktischen Spielchen, so kleinkariert, wie man es, das ganze Parteienspektrum erfassend, noch nicht erlebt hat.

Dabei könnte die Sache im Grunde so einfach und anständig vor sich gehen. Die bürgerlichen Parteien haben in der Bundesversammlung zusammen die Mehrheit. Also trifft sie auch die Verantwortung für einen respektablen Vorschlag. Doch sowohl Angela Merkel als auch Guido Westerwelle fragen nicht: Wer ist der beste Mann, die beste Frau für das Land? Sondern: Was wäre das Beste für meine Karriere?

Zunächst die Union: Es gibt gute Gründe, Wolfgang Schäuble unter den aktiven Politikern für denjenigen zu halten, mit dem man sich am klügsten über Politik unterhalten kann. Es gibt auch Gründe, ihn nicht für dieses Amt vorzuschlagen – die 100000-Mark-Frage, seine Neigung, scharfsinnig zuzuspitzen; auch ein inzwischen etwas abgeschliffener Polarisierer ist noch kein Integrator. Aber es gibt überhaupt keinen Grund, einen Mann seines Lebens- und Leidensweges in einer doppelzüngigen Hinhaltetaktik zu verschleißen.

Aber so muss es kommen, wenn die Union in Wirklichkeit keinen Bundespräsidenten für 2004, sondern einen Kanzlerkandidaten für 2006 sucht. Angela Merkel oder Edmund Stoiber – seit wann bietet man eigentlich einander das höchste Staatsamt allein zu dem Zweck an, den anderen daran zu hindern, Regierungschef zu werden?

Sodann die Liberalen: Guido Westerwelle hatte seinen Mund weit aufgerissen und wollte bei der Vorbereitung dieser Auswahl gar sein politisches "Meisterstück" (Originalton) hinlegen. Was ist dabei bisher herausgekommen? Die Zumutung, das ganze Land solle sich für Wolfgang Gerhardt begeistern – den Mann, den die FDP vor kurzem allein schon als Parteivorsitzenden für zu langweilig hielt. Und nun hofft Westerwelle auch noch darauf, von einem kleinen FDP-Erfolg bei der Hamburger Bürgerschaftswahl zum großen Königsmacher aufgeblasen zu werden.

Schließlich der Kanzler und die SPD: Als Gerhard Schröder und Joschka Fischer sich im vorigen Frühjahr fest für das Wahljahr 2006 verlobten, gaben sie bereits das Amt des Bundespräsidenten für ihre Parteien verloren, überdies auch den direkten Einfluss auf die Auswahl. Danach erst begann Schröder mit einer Frau als Bewerberin zu kokettieren. Dabei machte er sogar der Union Avancen, entweder um Zwietracht zu säen oder um sich bei den Wählerinnen als Frauenfreund zu profilieren: Wenn ihr nur eine Frau vorschlagen würdet… Zuletzt foppte er die Union mit dem Namen Klaus Töpfer, als ob die Wahl des Staatsoberhauptes ein Politspiel ohne Grenzen wäre.

Gewiss, die SPD hat dieses Mal keine Chance, den Bundespräsidenten zu stellen. Das entbindet sie als staatstragende Partei aber nicht von der Pflicht, einen überzeugenden Vorschlag zu machen – schon um den bürgerlichen Parteien die Messlatte so hoch wie möglich zu legen.

Wir haben in den 55 Jahren der Bundesrepublik schon manches erlebt. Konrad Adenauer nominierte sich selbst als Nachfolger von Theodor Heuss – und musste dann vor seinen Illusionen kapitulieren. Helmut Kohl hat 1994 die Sache schier vermasselt, als er zuerst den völlig unbeholfenen sächsischen Justizminister Steffen Heitmann auf den Schild hob, bevor er sich auf Roman Herzog besann.