Dass sie viel lächle, Konflikte geradezu niederlächle, heißt es häufig über Annette Schavan, derzeit Kultusministerin in Baden-Württemberg. Dabei ist ihr Lächeln keine festgezurrte Dauergrimasse, es kommt vielmehr sehr plötzlich und strahlend aus den Augenwinkeln. Und es sollte niemanden ablenken von der Qualifikation, der Durchsetzungsfähigkeit und der geistigen Präsenz der 49-jährigen CDU-Politikerin. Promoviert wurde die Philosophin und katholische Theologin mit einer Arbeit über "Person und Gewissen". Sie gehört zu den Menschen, deren Anwesenheit in einem Raum man spürt, bevor man sie sieht.

Mit 40 Jahren wurde Annette Schavan 1995 Kultusministerin im großkoalitionären Kabinett von Erwin Teufel, seither hat sie zwei Landtagswahlen überstanden. Im CDU-Landesverband gilt sie, trotz harter Konkurrenz durch den Vorsitzenden der Landtagsfraktion, Günther Oettinger, als aussichtsreiche Kandidatin für Teufels Nachfolge. Schavan ist Mitglied im Zentralkommitee der Deutschen Katholiken und seit 1998 stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende. Sie gehört zum engeren Kreis um Parteichefin Angela Merkel. 2002 peppte Edmund Stoiber sein Wahlkampfteam mit ihr auf.

In Baden-Württemberg organisierte die gebürtige Rheinländerin einen schulpolitischen Umbau, der Kultusbürokraten und Lehrer atemlos machte: Schavan führte das Abitur nach zwölf Jahren ein und den Fremdsprachenunterricht an Grundschulen; sie kämpfte um einheitliche Bildungsstandards und eine Neuorganisation der gymnasialen Oberstufe. All dies hat bei ihr wenig mit McKinseyhaftem Modernisierungswahn zu tun, viel hingegen mit einem Gerechtigkeitsbegriff, den sie von Platon herleitet: Gerechtigkeit herrsche dort, wo jeder das seine tue, aber eben auch tun könne. Und die Schule sei die Einrichtung, die den Einzelnen dazu in die Lage versetze. Paternalistisch soll ihre Anstalt dabei nicht sein, die Sorge für das Gelingen von Lebensläufen bleibe in erster Linie Aufgabe der Elternhäuser, nicht des Staates. Doch sei sie nicht so blauäugig, von Verhältnissen zu träumen, die nur funktionierten, wenn der Mensch edel sei.

Aus diesem Grund kritisiert Schavan den liberalistischen Reflex, den sie heute auch in Teilen ihrer Partei beobachtet: "Sätze wie ,Es muss jeder selbst wissen, was er für richtig hält‘ oder ,Jeder ist seines Glückes Schmied‘ reichen nicht aus, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten."

Der Staat müsse seine ordnende Funktion konsequent wahrnehmen, sagt Schavan, sonst mache er sich selbst überflüssig. Von dieser Überzeugung ist auch ihre Position in der Auseinandersetzung mit der muslimischen Lehrerin Fereshta Ludin getragen, der sie untersagte, im Unterricht ein Kopftuch zu tragen.

Schavans Sorge gilt der "Entpolitisierung der Öffentlichkeit", nicht zuletzt befördert durch die "technokratische Textbaustein-Sprache der politischen Eliten". Sie selbst setzt viel daran, gewissenhaft mit ihrer Sprache umzugehen, und schweigt darum mitunter lange, wenn sie über eine Antwort nachdenken muss. Kein Geplapper, nirgends. Ihre Stimme ist tief, angenehm und absolut weihnachtsansprachentauglich.

Für Frauen hat Annette Schavan eine Menge getan: Legendär ist die Besetzung einer Oberschulamtsleiter-Stelle, die sie so lange verweigerte, bis eine geeignete weibliche Kandidatin gefunden war. Von formalisierten Förderverfahren hält sie wenig, vom "Mentoring" umso mehr. "Frauen müssen entscheiden, ob sie sich unauffällig in die Konstellationen von Männern einfügen oder ob sie selbst ins öffentliche Leben gehen", sagt Schavan. Immer gelobt und geliebt, das müsse jeder Frau klar sein, werde man für den selbstständigen Weg allerdings nicht.

Nur zwei Gründe gebe es, die gegen Annette Schavan als Bundespräsidentin sprächen, sagt ihr politischer Weggefährte Christian Wulff: dass sie unverheiratet und dass sie für dieses Amt noch ein wenig zu jung sei. Beide Argumente lassen sich aber auch für sie anführen: Denn unverheiratet sind immer mehr Menschen in diesem Land; zu jung für große Aufgaben hingegen immer weniger.