Hoch war die Hoffnung und groß der Tatendrang, damals, vor zehn Monaten, als auf einem Konvent in Bonn die Nationale Stiftung Baukultur auf den Weg gebracht wurde. Nicht länger sollte die Architektur nur eine Sache der Fachästheten sein, endlich wollte man aus ihr eine Massenbewegung machen, etwas ganz Alltägliches, fest verwurzelt im öffentlichen Bewusstsein. Das war der Plan, vorangetrieben vor allem von Karl Ganser, einem der Initiatoren der Stiftung. Und weil er und seine Mitstreiter auf viel Geld vom Bund spekulierten, vier bis fünf Millionen jährlich, schien es nur recht und billig, dass auch die Architekten und Bauingenieure etwas beisteuerten – 100 Euro von jedem, als Zeichen der Aufbruchbereitschaft. Per Überweisungsformular sollte über Sein oder Nichtsein der Stiftung abgestimmt werden, das war Gansers Wunsch.

Heute, rund vier Monate nach dem Spendenaufruf, ist die Hoffnung geplatzt: Gerade mal ein Prozent der Architekten hat die symbolische Summe überwiesen. 99 Prozent stehen blamiert da, als ewige Nörgler, die mahnen und warnen, die von Medien, Schulen und Politikern verlangen, sie sollten sich gefälligst der Baukultur annehmen – und die selbst nicht mal 100 Euro dafür übrig haben. Lethargisch werkeln viele vor sich hin, unpolitisch, desinteressiert, von der Konjunkturkrise gebeutelt. Und wenn sie träumen, dann allenfalls von einer Bundesauftragsstiftung.

Aber wer weiß, vielleicht hat das Spendendesaster auch etwas Gutes. Vielleicht kann die Stiftung nun viel klarer über ihre Ziele nachdenken – ohne die Einflüsterungen von Architekten, die zwar gern von Baukultur sprechen, in Wahrheit aber nur wollen, dass die Welt endlich wie in ihren Fachzeitschriften aussehen soll, bauhausstreng und kubisch-stählern. Baukultur ist für sie nur ein anderes Wort für Architektenkultur, für Häuser, die den eigenen Idealen genügen. Dabei meint der Begriff nicht das Gebaute, nichts, was sich fotografieren und vermarkten ließe. Schließlich ist Kultur kein Objekt, sondern eher eine Geistesverfassung.

Wie es um diese Verfassung eigentlich steht, wie das öffentliche Bewusstsein für Architektur beschaffen ist, darüber weiß man nur wenig – und folglich läge hier eine der ersten Aufgaben der Baukulturstiftung. Stimmt es denn wirklich, dass die meisten Menschen im architektonischen Wachkoma vor sich hin vegetieren? Warum florieren dann aber die Baumärkte? Und weshalb gibt es mittlerweile 37 Wohn- und Einrichtungszeitschriften, Tendenz steigend? Die Leute haben offenbar sehr wohl Geld und Sinn für Gestaltung. Und die Frage ist nur, wie man diesen Sinn aus den Wohnungen und Heimwerkerkellern herauslenkt, wie man das Interesse an Tapeten und Armaturen in ein Interesse an der Stadt und am Gemeinwohl verwandelt.

Gelingen kann eine solche Verwandlung wohl nur, wenn die Architektur vom Einzelnen nicht länger als ein unabwendbares Schicksal erfahren wird. Wenn er nicht in dem Gefühl leben muss, dass "die da oben" eh planen und bauen, was sie wollen. Wenn er merkt, dass Mitdenken und Mitmischen erwünscht sind. Das waren sie bislang nur selten. Die meisten Architekten und Stadtplaner beäugen öffentliche Debatten und bürgerschaftliche Partizipation fast als etwas Ehrenrühriges, als Zeit- und Kostenverschwendung, als feindliche Übernahme. Sie wollen bauen, nicht diskutieren. Und übersehen dabei, dass gerade in Diskussionen das entsteht, was den Ehrentitel Baukultur tatsächlich verdient: Neugier und Interesse.

Eine weitere wichtige Aufgabe der Stiftung wäre es also, neue Foren und Formen des Dialogs zu finden und zu unterstützen. Warum gibt es keine Verbraucherzentralen für Baukultur, wo sich jeder Rat holen kann, der ein Haus, eine Schule oder eine Fabrik auf- oder umbauen möchte und noch nicht weiß, welchen Architekten er beauftragen will? Weshalb gründet niemand eine Agentur, die künftige Bauherren durch gute Beispielhäuser führt? Wieso richtet man nicht Stadtteilbüros ein, kleine lokale Baukulturzentren, in denen die Bürger ihre Bau- und Gestaltungsfragen loswerden können, egal, ob es sich um verwahrloste Plätze, um Fassadenfarben oder vertrocknete Straßenbäume handelt?

Bislang haben nur wenige Städte die Architektur für sich entdeckt. Und wenn doch, dann nur in Form teurer Weltarchitekten und glitzernd-zappeliger Landmarken. Viel mühsamer und viel mutiger ist es hingegen, statt experimenteller Bauformen neue Experimente im Prozess des Planens und Bauens zu wagen. Viel anstrengender ist es, die eigenen Bürger nicht länger nur als Architekturtouristen zu begreifen, sondern als Mitgestalter. Doch nur so kann ein Neubau ähnliche Bindekräfte entfalten wie es viele Baudenkmäler tun, nur so kann er den Gemeinsinn stärken, kurz: die architektonische Geistesverfassung einer Stadt verändern. Noch verstehen sich Denkmalpfleger viel besser auf Einbindung und Öffentlichkeitsarbeit als die meisten Planer und Architekten.