Nur noch 55 Tage. Dann muss die Bundesregierung der Europäischen Union ein detailliertes Regelwerk vorlegen, wie sie Erlaubnisscheine für den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) in Deutschland verteilen will.

Die Brüsseler Kommission versucht, die Erderwärmung zu verlangsamen und die CO2-Emissionen in der EU bis 2010 um acht Prozent zu senken – und zwar dort, wo es am preiswertesten möglich ist. Deshalb sollen ab 2005 CO2-Verschmutzungsrechte europaweit handelbar sein. Demnächst werden sie an 2600 Stahlhütten, Zementöfen, Feuerungsanlagen, Kraftwerke und Chemiebetriebe verteilt. Allein in Deutschland werden die Zertifikate einen Wert von etwa fünf Milliarden Euro haben, schätzen Experten. Die deutsche Industrie, sagt EU-Klimakommissarin Margot Wallström, werde zu den Gewinnern des Handelssystems zählen, weil sie relativ sparsam mit Energie umgeht.

Insofern verwundert der beharrliche Widerstand, mit dem sich große Teile der hiesigen Wirtschaft dem vermeintlichen Diktat aus Brüssel entgegenstemmen. Das gilt umso mehr, weil ein marktwirtschaftliches Instrument für den Klimaschutz sorgen soll, wo er bisher durch politische Zielvorgaben reguliert wird. Jüngst endete sogar der seit Monaten andauernde Poker zwischen Bundesregierung und Industrie um die Verteilung der CO2-Erlaubnisscheine im Eklat. Georg Wilhelm Adamowitsch, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, verließ die tagende Runde abrupt, weil Umweltminister Jürgen Trittin den Entwurf des Nationalen Allokationsplanes ohne Abstimmung mit Wirtschaftsminister Clement in die Verhandlungen eingebracht hatte. Minuten später folgten ihm die Vertreter der Wirtschaft, und beide Seiten schoben sich in den Medien die Schuld dafür zu.

Doch wie schon der parlamentarische Fuchs Herbert Wehner wusste: Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen. Das Dilemma der Industrie – sie ist im Kern gespalten, ihr Eliteverband BDI durch Interessenkämpfe seiner Mitglieder gelähmt. Jeder Unternehmer will sich die maximale Zahl der limitierten Emissionsrechte sichern. Die nordrhein-westfälische RWE und die ostdeutsche Vattenfall Europe etwa erzeugen durch ihre Braunkohlekraftwerke hohe Emissionen – und wollen die Rechte dafür behalten. Marktführer E.on will möglichst viele Emissionszertifikate auch für jene Atomkraftwerke haben, die in den kommenden Jahren vom Netz gehen müssen. Die Hüttenwerker fordern zusätzliche Rechte für den Fall, dass ihre Anlagen bei anziehender Konjunktur größere Mengen produzieren. Und die Chemie erinnert daran, dass sie ihre Reduktionsziele vorzeitig erfüllt hat.

Der Streit zwischen den Branchen lässt keine starke Front entstehen. Selbst Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, seit seinem Amtsantritt ein erklärter Gegner des klimapolitischen Machwerks aus Brüssel, findet nur zu der weichen Formulierung: "Die deutsche Wirtschaft braucht den Emissionshandel zur Erfüllung ihrer Klimaschutzziele nicht." So dürften die Unternehmer um die Erkenntnis nicht herumkommen, dass sie die hoch komplizierte Verteilung der Verschmutzungsrechte nicht ewig verzögern können. Und sie sollten es auch aus Eigeninteresse nicht versuchen. Meldet Berlin seine Ansprüche auf CO2-Zertifikate nicht rechtzeitig in Brüssel an, guckt die deutsche Wirtschaft bei der Verteilung in die Röhre. "Finanzielle Nachteile" seien dann absehbar, sagt Felix Matthes, Energie-Experte des Öko-Instituts.

Kultivierte Zwietracht macht den Start des Emissionshandels zudem nicht unwahrscheinlicher. Vielmehr stärkt sie die Verhandlungsposition des Umweltministers, dessen Zuteilungsplan allen Fabriken Emissionsziele vorgibt (die übrigens den selbst gesteckten Verpflichtungen der deutschen Wirtschaft entsprechen) und den Unternehmern im Übrigen freie Hand lässt, auf welchem Weg sie diese Vorgaben erreichen.

Den Wandel von den gewohnten staatlichen Vorgaben hin zu einem Zertifikate-Handel will der grüne Minister der Industrie mit deutlichen Zugeständnissen erleichtern. Alle Anlagen sollen kostenlos mit Verschmutzungsrechten ausgestattet werden. Dann muss jede Industrieanlage bis 2007 jährlich 1,5 Prozent weniger CO2 ausstoßen und bekommt entsprechend weniger Erlaubnisscheine. Unternehmen, deren Fabriken mehr Klimagas emittieren als erlaubt, müssen sich Zertifikate zukaufen. Betreiber von Industrieanlagen, die sauberer produzieren, können überzählige Rechte verkaufen – und den Gewinn in klimafreundliche effiziente Techniken investieren.

Ein Kompromiss in den nächsten Tagen ist durchaus möglich. Würde die Industrie das Handelssystem prinzipiell akzeptieren, gäbe es noch Verhandlungspotenzial, heißt es im Umweltministerium. Profitieren könnte die Elektrizitätswirtschaft, die demnächst zwei Milliarden Euro in neue Werke investieren muss – und nach Planungssicherheit ruft. Dieser legitimen Forderung könnte Trittin entgegenkommen, indem er den neuen Anlagen über den üblichen Abschreibungszeitraum von etwa 25 Jahren die Zuteilung der gleichen Verschmutzungsrechte garantiert.