Was im Großen gilt, das gilt ebenso im Kleinen. Auch Kommunen entwickeln enormen Beratungsbedarf, denn der öffentliche Druck ist stark, die Verwaltung zu vereinfachen und auf betriebswirtschaftliches Management umzustellen. Um Halsstarrigkeiten in den Ämtern zu überwinden, müssen externe Berater ran. Einer von ihnen ist Hagen Winter. In Hamburg betreibt er ein kleines Büro für "Projektmanagement, Personalentwicklung und Organisationsdesign". Winter betreut kleinere Städte in der Hamburger Region. Sollen zum Beispiel ein Jugend- und ein Sozialamt zusammengelegt werden, scheitere dies schon an den Stellenbeschreibungen, die durch das Arbeits- und das öffentliche Dienstrecht abgesichert seien. Der Berater müsse also zunächst die radikale Vereinfachung der Definition von Arbeitsbereichen verordnen, um die Mitarbeiter flexibler einsetzen zu können. Damit kommt ein Prozess in Gang, den Winter als "ganz schwer und mühselig" beschreibt.

Hagen Winter ist Psychologe, seinen Arbeitsansatz nennt er "multiperspektivisch", in einer Werbebroschüre heißt es: "Indem soziale Situationen von verschiedenen Seiten her betrachtet werden, wird der Prozess des Verstehens intensiviert." Und ein wenig soziologische Systemtheorie ist auch dabei. Berater Winter begreift "Organisationen als Systeme, die sich in stetem Austausch mit der sich wandelnden Umwelt befinden". Mit anderen Worten: Alles fließt. Ebenso gehört zum Ethos von Hagen Winter, dass dem betrieblichen Organismus, der auf Trab gebracht werden soll, nichts aufgezwungen werden darf. Also veranstaltet der Berater, bevor er Vorschläge zur Umstrukturierung macht, mit den Mitarbeitern einer städtischen Verwaltung zunächst ein Planspiel. Die Probanden sollen sich vorstellen, ihre Behörde habe in der Zukunft einen Preis für vorbildliche Organisationsreform erhalten. Jetzt sollen sie die Maßnahmen beschreiben, die sie ergriffen hätten, um zu diesem Ideal zu kommen.

Mit ihrer Kommunalberatung haben sich Soziologen, Pädagogen und Psychologen ein Aufgabenfeld geschaffen, das unendlich ausbaufähig ist. Denn was im öffentlichen Verständnis "Beratung" heißt, umfasst ganz unterschiedliche Dienstleistungen. Das kann die Installierung neuer EDV-Systeme sein, aber auch die Schulung von sozialer Kompetenz. Ein Beraterangebot kann die vollständige Umstrukturierung eines Gartenbauamtes umfassen oder ein zehntägiges Seminar über Motivationstechniken fürs kommunale Management.

Bei Hagen Winter heißen die diversen Beratungseinheiten chic "Module". Man kann sie im Paket, aber auch einzeln "buchen". Auf die Ausschreibung solcher Aufträge wird meist verzichtet, weil sie die ausschreibungspflichtige Volumengrenze von 200000 Euro bei weitem nicht erreicht, vor allem aber auch deshalb, weil die kommunalen Auftraggeber oft gar nicht genau wissen, welche Leistungen sie suchen. Sie ahnen nur, dass es in irgendeinem Bereich hakt. Genaueres soll der Berater herausfinden. Da Verwaltungsmodernisierung ein fortlaufender Prozess ist, ist auch die Beratungsarbeit nie zu Ende. Außerdem gilt es zu verhindern, dass die reformfeindlichen Widerstände im Inneren der Verwaltungsapparate wieder erstarken, sobald der Berater das Haus verlässt.

Angeeignet haben sich die Kommunen immerhin schon mal den Sound des neuen Dienstleistungsbewusstseins. Buxtehude etwa meldet, die Stadtverwaltung sei seit Anfang 2002 auf die "produktorientierte Organisation" mit "Qualitätszielen" umgestellt. Der Haushalt heißt jetzt "Produktbuch", und mit der Eröffnung eines Bürgerbüros soll demnächst ein weiterer Schritt auf dem Weg "zunehmender Serviceorientierung" gegangen werden. Ein Fachmann für Verwaltungsreform im Buxtehuder Rathaus betont, von wenigen Ausnahmen abgesehen seien diese Leistungen aus eigener Kraft erzielt worden.

Der Bürgermeister der Kleinstadt Buchholz bei Hamburg klagt dagegen über die schwachen Leistungen einer Beratungsfirma aus dem westfälischen Herten, die den Ort bei der Verwaltungsreform 2000 unterstützte. Die versprochenen positiven Effekte seien ausgeblieben. Die Entflechtung von Ämtern, unter der Maxime der Dezentralisierung vorgenommen, habe nur neues Kompetenzwirrwarr verursacht. Buchholz bastelt jetzt an einer Reform der Reform und will es diesmal ebenfalls weitgehend selbst machen. Sollte er doch Beratung brauchen, sagt der Bürgermeister, werde er keine Schwierigkeiten haben, die passende zu finden: Seine Schreibtischschubladen sind prall gefüllt mit Beraterangeboten.