Im Mai 2002 quartiert sich ein Team der Unternehmensberatung Roland Berger in Hannover ein. Die sieben Damen und Herren sind recht jung, einige kommen frisch von der Uni. Innerhalb von acht Wochen sollen sie schaffen, was die niedersächsische Landesregierung ihren eigenen Beamten offenbar seit Jahren nicht zutraut: die Staatskasse in Ordnung zu bringen. Der seit zwei Jahren amtierende Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) will Reformen; notfalls muss sich auch die eigene Beamtenschaft Einschnitte gefallen lassen. Die Ministerien selbst, denkt Gabriel, werden dazu kaum eigene Vorschläge machen. "Mit Gänsen", sagt er, "können Sie schlecht über Weihnachten reden."

Wahlen stehen vor der Tür, und das ewige Thema Verschuldung hängt den Wahlkämpfern wie ein Klotz am Bein. Ein glaubhaftes Heilsversprechen muss her. Etwas also, was das Wahlvolk der politischen Klasse nicht abnimmt, wenn sie es selbst verkündet. In der Staatskanzlei trifft sich Sigmar Gabriel mit Jobst Fiedler, einem Parteigenossen, von 1990 bis 1996 Oberstadtdirektor von Hannover. Mittlerweile leitet Fiedler bei Roland Berger jene Abteilung, die sich um die Beratung der öffentlichen Verwaltung kümmert. Public Sector Consulting heißt der neue Branchenzweig im Beraterjargon. Fiedler holt sich den Zuschlag. Ohne das Projekt auszuschreiben, ohne also eventuelle Vergleichsangebote einzuholen, schließt die Landesregierung einen Beratervertrag über 516 000 Euro mit Berger, "Prüfung der Konsolidierungspotentiale für den Landeshaushalt" heißt der Auftrag.

Bergers Leute legen mit dem los, was Gabriel als "strategische Unterstützung der Verwaltung" verstanden wissen möchte. In den Amtsstuben des niedersächsischen Finanzministeriums und des Landesrechnungshofes sinkt die Stimmung. Die jungen Berater drängen darauf, in die Haushaltslage eingewiesen zu werden. Über eigenes Verwaltungswissen verfügen sie nicht, erinnern sich Beobachter später. Stattdessen trumpfen die neuen Kollegen mit bemerkenswertem Selbstbewusstsein auf und berechnen Tageshonorare von rund 2500 Euro, eine Summe, die dem Monatsgehalt manches Ministerialbeamten entspricht.

Die Berger-Leute möchten wissen, welche Vorschläge die Beamten in der Schublade haben, um das Milliardenloch im Haushalt zu stopfen. Sie bekommen eine ganze Maßnahmenliste: Das Messegelände und der Flughafen in Hannover, auch die Spielbanken des Landes könnten privatisiert werden. Ebenso die Autowerkstätten der Polizei und das Landesinformationszentrum. Zu erwägen wäre auch, die Verwaltung von Straßenbau- und Staatshochbauamt zurechtzustutzen. Okay, sagen die "Strategy Consultants", die eine neue Sprache in die Amtsflure tragen.

Mancher Berater verwandelt nur graue Akten in bunte Folien

In den folgenden Wochen, berichten niedersächsische Haushaltsfachleute, hätten die Berater vor allem graue Aktenblätter in bunte Präsentationsfolien umgearbeitet. Der damalige Präsident des Landesrechnungshofs, Wolfgang Meyerding, schätzt, zwei Drittel des kostspieligen und als vertraulich eingestuften Haushaltsgutachtens, das der ZEIT vorliegt, bestünden aus nichts anderem als aus der bekannten Expertise der Verwaltung. "Der Erkenntniswert für Insider war gering, der Anschein eines Konsolidierungskonzepts für die Regierung war groß", bilanziert der CDU-Mann, der heute im niedersächsischen Innenministerium für Staatsmodernisierung zuständig ist.

Beratergutachten als Scheinbeleg für politische Tatkraft? Namen wie Roland Berger, McKinsey, KPMG & Co., ehedem Synonyme für mehr Effizienz in Unternehmen, sind ins Gerede gekommen. Das umstrittene Berger-Gutachten für die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg brachte deren Chef Florian Gerster ins Zwielicht. Als sich Gerster, frisch entlassen, in der Talkshow von Sabine Christiansen verteidigte, nutzte der niedersächsische Ministerpräsident und Gabriel-Nachfolger Christian Wulff die sonst so artige TV-Plauderrunde für einen heftigen Angriff auf den Doyen des Beratercorps. Er attackierte Roland Berger, der mit im Studio saß. Zwischen Politik und Beratern, zürnte Wulff, seien "Kartelle" und "Seilschaften" entstanden und "Freundschaften, die sich gegenseitig einen Dienst erweisen".

In Berlin sekundiert der Haushaltsexperte der Union, Dietrich Austermann, und holt seinerseits zum Berater-Bashing aus. Die rot-grüne Koalition habe allein im vergangenen Jahr 500 Millionen Euro für die Ratschläge externer Möchtegern-Experten verpulvert, schätzt er. Die Bundesregierung dagegen behauptet, in den vergangenen vier Jahren seien es nur knapp 169 Millionen gewesen. Um Licht ins Dunkel zu bringen, will der Bundesrechnungshof jetzt die Berliner Ministerien nach überflüssigen Beraterdiensten durchforsten. Schon jetzt konstatiert die Prüfbehörde, es werde teilweise regelrecht "Geld verbrannt".