Man könnte von einer leicht verwahrlosten Frauen-WG sprechen. Einer desillusionierten Weiberwirtschaft, die den Härten des Lebens ganz pragmatisch mit kollektiver Vermännlichung begegnet. Ätherische Diven und glamouröse Vamps haben in den amerikanischen Filmen des Berlinale-Wettbewerbs keinen Platz. Das weibliche Personal dieser Filme ergeht sich in gepflegter Verlotterung, stapft mit derangierten Haaren durch die Wildnis, bestellt mit schwieligen Händen Felder, schießt, was das Zeug hält – oder bringt die Männer gleich in Serie um.

Es sind Filme, die von einer Befreiung wider Willen erzählen, von Heldinnen, denen im kriegerischen Umfeld kaum anderes übrig bleibt, als zu Messern, Gewehren und Revolvern zu greifen. Dass etwa Kate Blanchett in Ron Howards The Missing eine gewisse Grundgereiztheit besitzt, wird schon in den ersten Minuten klar, wenn sie einer alten Frau brachial den einzigen verbleibenden Zahn zieht und man nebenbei erfährt, dass sie kürzlich einem Mann das entzündete Bein abgesägt hat. Blanchetts Maggie ist eine müde, verbitterte Pionierin des Westens. Vom eigenen Vater, den Männern und dem Leben enttäuscht, zieht sie ihre Töchter auf einer winzigen Farm groß und verdient nebenbei etwas mit Doktordiensten. Als ihre halbwüchsige Tochter von Indianern entführt wird, entwickelt sich die Mutter zur Terminatorin.

Mit spätfeministischer Didaktik desavouiert The Missing alle Accessoires und Attribute der Weiblichkeit. Gleich zu Beginn des Films bringt Blanchett ihrer vergnügungssüchtigen Tochter bei, dass Schönheit, Sanftmut und Koketterie die Frau zur Beute, zum Objekt, zur Ware machen – was die Entführung des aufgebrezelten Mädchens prompt bestätigt. Vom anderen Geschlecht erwartet sich Blanchett kaum mehr als ein bisschen funktionalen Sex. Geschminkt werden Frauen hier nur von ihren Entführern, bevor sie in Mexiko an Bordellbesitzer verkauft werden sollen.

Auch Anthony Minghellas Cold Mountain ist eine Versuchsanordnung, angelegt, um die Heldinnen aus ihren historischen Geschlechterrollen zu reißen. Während North Carolinas Männer auf den Schlachtfeldern des Sezessionskrieges sterben, müssen die Frauen sehen, wo sie bleiben. Von der Southern Belle, die mit Seidenbändern, Häubchen und rosa Krinolinen wie ein aufgeplusterter Kanarienvogel wirkt, mutiert Nicole Kidman hier zum zart gebräunten Naturwesen im Herrenmantel, das jahrelang auf Jude Law wartet. Auch hier verlieren die Insignien der Weiblichkeit allmählich ihren Sinn. Man habe sie Latein, Klavierspiel, Schönsein und Blumenbinderei gelehrt, wird Kidman einmal klagen, aber nicht, wie man einen Garten bestellt. Dass die einzige Frau, die tatsächlich weiß, wie man einem Gockel den Kopf abdreht, als fluchender Kobold mit ausgestopften Backen auftreten muss, ist für den leicht verlogenen Gestus von Cold Mountain symptomatisch. Als buffoneskes Mannweib übernimmt Renée Zellweger die Aufgaben des abwesenden Farmers und Beschützers. Unter ihrer trampeligen Anleitung lernt selbst Kidman, Zäune zu reparieren und ein Gewehr zu halten.

Neben weiblichen Haudegen, die wie Charlies Engel, Lara Croft oder auch Uma Thurman in Kill Bill aus zeichenhaften Popwelten heraushüpfen und ohne großen Motivationsbedarf drauflosballern, scheint sich in Hollywood gerade eine verdruckste Nachhut des Frauenfilms zu formieren. Gerade hat Julia Roberts als Collegelehrerin in Mona Lisas Lächeln den Beweis angetreten, dass Kochen und ein Buch lesen für die eine Hälfte der Menschheit keine gänzlich diametralen Tätigkeiten sind. Nun soll sich in der Weite der amerikanischen Landschaften weiter emanzipiert werden.

Zwar bringen Minghella und Howard mit auftrumpfendem Gestus die Korsette zum Platzen, flicken sie jedoch eilfertig wieder zusammen. Als Blanchett während der Verfolgungsjagd ihre Haarbürste in einem Versteck vergisst, wird ihr die Eitelkeit fast zum Verhängnis. Mit den erbeuteten Haaren veranstaltet ein indianischer Medizinmann einen Voodoo-Zauber, dass die bis dahin so toughe Heldin die roten Pocken bekommt. Kidmans kleine Befreiungen wiederum münden ins Klischee der heroischen Kriegerwitwe, die das Heldenbild ihres erschossenen Liebsten pflegt. In altjüngferlicher Treue gedenkt sie der einen erfüllten Liebesnacht, die sie zur Mutter machte und die nun für die verbleibenden sexlosen Jahrzehnte reichen muss.

Neben den etwas altbackenen Geschlechterkonstruktionen dieser Filme wirkt Patty Jenkins Berlinale-Wettbewerbsbeitrag Monster wie ein verstörender Monolith. Charlize Theron spielt Aileen Wuornos, die vor zwei Jahren in Florida für die Ermordung von mindestens sechs Männern mit der Giftspritze hingerichtet wurde. Als Kind von ihrem Großvater missbraucht und als 13-Jährige von Nachbarn geschwängert, wurde Wuornos zur Prostituierten. Nach einer Vergewaltigung schlug sie zurück und erschoss ihren Peiniger. Was als Rache begann, wurde zum Muster weiterer Morde.

Nach zwei Dokumentarfilmen, mehreren Büchern und einer Oper versucht nun also auch ein Spielfilm, das Schicksal jener Frau zu erkunden, die einerseits als lesbische Hexe und America’s first female serial killer verteufelt und andererseits als feministische Antiheldin und Opfer männlicher Gewalt heroisiert wurde. Für die Darstellung der Aileen Wuornos nahm Charlize Theron in einem Akt hollywoodesker Deformation 15 Kilo zu, rasierte die Augenbrauen und steckte sich schiefe Zähne in den Mund.