Den Hamlet habe ich gelesen, weil ich mit 15 beim Ritterspielen verletzt wurde. Ich bin in einem Neubaugebiet in Dresden aufgewachsen. Die anderen Kinder und ich haben aus Pappen Rüstungen gebaut und Schwerter aus Holz. Da hat mir jemand einen Stein ins Auge geschmissen, und ich musste ins Krankenhaus.

Ich lag allein in einem Zimmer, und niemand hat mich großartig besucht. Ich hatte damals gerade entschieden, dass ich Schauspieler werden wollte. Und was liest man als Schauspieler? Shakespeare und Tschechow, die beiden größten! Mit den Niederungen wollte ich erst gar nicht anfangen, und so habe ich mir gleich das längste Shakespeare-Drama herausgesucht: Hamlet, und das habe ich verschlungen. Hamlets Vater ist der König von Dänemark, und er wird von seinem Bruder ermordet. Nun sitzt der Bruder auf dem Thron, und Hamlet soll seinen Vater rächen. Er wird von allen Seiten angestachelt: Handeln Sie bitte, Herr Hamlet! Doch er weiß sich keinen rechten Rat. Er grübelt und zweifelt, er schläft und wacht: "Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage!" Ich habe das genau vor mir gesehen – trotz der schwierigen Sprache. Ich dachte mir: So wie der gesprochen hat, so müsste ich auch reden! Ich wollte Hamlet sein!

Diesen Wunsch hat aber niemand verstanden. Meine Mutti sagte nur: "Du willst etwas Besonderes sein." Meinen Eltern war es ohnehin nicht so wichtig, ob ich lese oder nicht. Ich war ein Schlüsselkind, und so konnte ich entscheiden, was ich tue. Drei Bücher habe ich sicher in der Woche gelesen. Timur und sein Trupp von Arkadi Gaidar hat mir sehr gefallen, die Geschichte von Kindern in der Sowjetunion, die ihren Müttern helfen, weil die Väter im Krieg sind. Meine Oma hat mir auch Suhrkamp-Bücher aus dem Westen besorgt, Hermann Hesse zum Beispiel.

Heute erzähle ich meiner neunjährigen Tochter Nina viele Geschichten: Ich lege mich zu ihr ins Bett und erfinde ein neues Abenteuer der Prinzessin Olalia. Das macht mir Spaß. Bücher lese ich nur noch zwei pro Jahr; Bei den Dreharbeiten zum Polizeiruf 110 nehme ich meist eine Zeitung mit und einen CD-Spieler. Ray Charles höre ich, Vivaldi oder eine DDR-Band namens Silly.

Ich muss beim Drehen oft an Hamlet denken: Ich spiele den Kommissar Jens Hinrichs, der ist auch ein widersprüchlicher, zweifelnder Mensch: Er stammt aus dem Osten, will aber ein Wessi werden. Nichts ist bei ihm sicher. Ich finde diese Rolle gut.

Den Hamlet habe ich noch nicht spielen können. Nur einmal habe ich als Totengräber bei dem Stück mitgespielt, aber am Ende genauso viel Applaus bekommen wie Hamlet. Ich habe nie verstanden, warum Hamlet immer ein tragischer, gut aussehender Held sein muss, der das Gewissen der Nation mit sich herumschleppt. Ich würde ihn eher tragikomisch spielen. Ich bin jetzt im besten Hamlet-Alter, und eigentlich müsste mir ein Theater die Rolle mal anbieten. Zwei Jahre gebe ich mir noch. Wenn ich bis dahin kein Angebot bekommen habe, spiele ich wieder den Totengräber.

Uwe Steimle, 40, spielt den blonden kauzigen Kommissar Jens Hinrichs im "Polizeiruf 110". Er ist gelernter Schmied, hat zwei Töchter im Alter von 9 und 21 Jahren und lebt in Dresden