Z olty , zolty , zolty , Jurek Grabowskis Stimme klingt, als wolle er seine Muttersprache langsam in die deutschen Kinderköpfe einmassieren. Doch die meisten Stühle vor ihm sind leer. Nur Melina, Carolin und Oliver sind an diesem Montagnachmittag zur Arbeitsgemeinschaft Polnisch der Grundschule Mitte 2 in Frankfurt an der Oder geblieben. Zolty heißt "gelb", und nun malen die Kinder gelbe Kringel in ihre Hefte. Mit ihrem Lehrer Grabowski teilen sie sich eine Schulbank. Um sie herum sind die Stühle schon hochgestellt.

Ein paar hundert Meter weiter sieht es ganz anders aus: Dort, auf der anderen Seite der Oder, drängen sich zur gleichen Zeit mehr als 20 polnische Grundschüler um ihre Deutschlehrerin. "Ihre letzte Gans würden die Polen verkaufen, um ihren Kindern Sprachkenntnisse zu vermitteln", sagt Jurek Grabowski. Zweisprachigkeit bedeutet Arbeit und Zukunft, besonders hier an der Grenze. Doch während junge Polen deutsche Vokabeln büffeln, verschlafen junge Deutsche die Chancen des grenzüberschreitenden Arbeitsmarktes.

An polnischen Schulen lernen rund 2,6 Millionen Schüler Deutsch, hierzulande aber nur 4700 Kinder Polnisch. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen und Berlin gibt es zwar einzelne Projekte, Schüler zu ermutigen, die Sprache ihrer Nachbarn zu lernen – vom zweisprachigen Kindergarten bis zum deutsch-polnischen Abitur. Dennoch gilt Polnischunterricht in Deutschland als exotisch.

Genauso außergewöhnlich ist ein Austauschjahr in Polen: Von den rund tausend deutschen Schülern, die die Organisation AFS Interkulturelle Begegnungen derzeit im Ausland betreut, haben sich gerade einmal vier für das östliche Nachbarland entschieden. Auch unter den Studenten ist die Neugier auf Polen nicht sehr verbreitet. Nur 2100 Deutsche wagten sich im Studienjahr 2002/2003 mit den von der EU geförderten Erasmus-Programmen in den näheren Osten. Umgekehrt kamen aber 16600 polnische Studenten für ein Auslandssemester nach Deutschland.

Mit dem Beitritt Polens zur EU werden die Kontakte zwischen deutschen und polnischen Unternehmen einfacher und intensiver werden. Eine Umfrage der deutschen Industrie- und Handelskammern kam 2002 zu dem Ergebnis, "dass insbesondere polnisch sprechende Arbeitskräfte dringend benötigt werden". Doch wenn am 1. Mai 2004 die Zollschranken entlang der Oder fallen – die Sprachbarriere bleibt bestehen, aufrechterhalten von den Deutschen.

Konrad Okulicz, Professor für Fahrzeugsysteme an der Fachhochschule Köln, versucht seit Jahren, einen Austausch zwischen deutschen und polnischen Hochschülern zu organisieren. Jedes Jahr kommen vier Warschauer Studenten nach Köln. Einigen von ihnen hat Okulicz schon Stellen bei deutschen Unternehmen in Polen vermittelt. Den deutschen Absolventen entgehen diese Jobs, weil sie weder Polnisch sprechen noch Interesse an Polen haben. "Von Deutschland aus fahren immer nur die Professoren nach Polen", sagt Okulicz.

Auch Polnischkurse besuchten in Deutschland oft nur junge Leute, deren Eltern oder Großeltern aus Polen stammten, berichtet Anna Zinserling vom Berliner Kolleg für polnische Sprache und Kultur: "Das sind junge Leute, die erkannt haben, dass sie mit ihren Sprachkenntnissen etwas haben, das sie auf dem Arbeitsmarkt anbieten können."

Selbst für den bundesweit ersten deutsch-polnischen Ausbildungsgang am Berliner Oberstufenzentrum für Bürowirtschaft und Verwaltung interessieren sich fast ausschließlich polnischstämmige Jugendliche. Nur eine einzige Teilnehmerin des ersten Lehrgangs zum zweisprachigen Kaufmann für Bürokommunikation konnte zu Beginn der Ausbildung nicht " Dzien Dobry" ("Guten Tag") sagen. An der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder sollte alles besser werden: Eine Brücke wollte man schlagen, deutsch-polnische Nachbarschaft lebendig werden lassen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1991 studieren an der Viadrina Deutsche und Polen zusammen und üben Völkerfreundschaft beim Essen in der Mensa. 1500 der 5000 Studenten stammen aus Polen. Sie konnten den Aufnahmetest nur mit guten Deutschkenntnissen bestehen. Doch ihre deutschen Kommilitonen sind selten bereit, Polnisch zu lernen: Nur etwa jeder 15. besucht die Polnischkurse an der Universität.